Kiss Vs. Kiss

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Fast zeitgleich veroeffentlichten Kiss und ihr Ex-Gitarrist Ace Frehley ihre neuen Studio-Alben. Wir nehmen sie genau unter die Lupe und lassen sie gegeneinander antreten!

Im Jahre 1996 gab es eine Reunion, die inmitten der Grunge- und Alternativerockbewegung einschlug wie eine Bombe und viele alte klassiche Hard Rock-Fans feucht im Schritt werden ließ. Am Ende ihres Unplugged-Sets holen die beiden Kiss-Masterminds Paul Stanley (Gesang, Gitarre) und Gene Simmons (Gesang, Bass) Mon & Dad auf die Bühne – die Rede ist von Original-Gitarrist Ace Frehley und Drummer Peter Criss. Zusammen stimmte man 2000 Man an und die Welt des Rock’n'Roll war wieder in Ordnung. Es folgte eine ausgedehnte Reuniontour mit Make-Up, ein neues Album namens Psycho Circus und eine weitere Tour – die Fans waren begeistert!

kissvskiss_08_kiss02Doch zu Anfang des neuen Jahrhunderts wurden die Risse im Original Line-Up der Band wieder größer, zu groß waren die persönlichen Differenzen innerhalb der Band und so kam es dazu, dass Peter Criss durch Eric Singer, der schon von 1990 bis 1996 bei Kiss trommelte, ersetzt wurde. Singer schlüpfte sogar in das Make-Up des Catmans und wurde von den Fans dafür verteufelt. Der Spaceman Ace Frehley machte zum bösen Spiel eine gute Miene und spühlte den Frust erneut mit viel Alkohol herunter. Auch er wurde wenig später durch seinen eigenen Gitarrentechniker Tommy Thayer ersetzt.

kissvskiss_04_oneforallcoverNatürlich wurde auch Tommy Thayer von Stanley & Simmons in das Kostüm des Spaceman gesteckt und die Fans nennen ihn seitdem liebevoll Tommy Imithayer. Während Ace Frehley und Peter Criss ersteinmal von der Bildfläche verschwinden, ziehen Kiss weiter zu mehreren Tourneen. Aufgrund rechtlicher Probleme re-recorden Kiss 2007 ein paar ihrer größten Hits, dieses Album erscheint unter dem Namen Kiss Klassics – allerdings nur in Japan, und wird bei uns in Deutschland für 40 Euro bei ebay vertickt. Doch zum Thema neues Album halten Kiss sich zurück. Paul Stanley sagte damals irgendwann, dass es nie wieder ein neues Kiss-Album geben wird, da die Fans eh nur die alten Hits wie Detroit Rock City hören wollen. Peter Criss ist der erste, der wieder zurück auf die Beine kommt, und veröffentlicht sein Solo-Album One For All 2007 und wird dafür zerissen (das Album ist nicht so schlecht wie sein Ruf, aber das soll hier nicht Thema sein).

kissvskiss_05_ace01Während Kiss 2008 das 35- jährige Jubiläum ihres Welterfolges Alive! mit einer ausgedehnten Tour feiern, taucht Ace Frehley langsam wieder auf. Zeitgleich mit Kiss betourt er die Erdkugel, seine neue Homepage geht online und er lässt erstmals verlauten, dass auch er fast 20 Jahre nach seinem letzten Solostreich Trouble Walkin’ wieder an einem neuen Album arbeitet. Der Titel, Anomaly, wird auch relativ schnell der Öffentlichkeit präsentiert. Bei Kiss scheint es in dieser Zeit mit dem neuen Line-Up besser zu funktioneren als jemals zuvor. Unter der Abmachung, dass Paul Stanley der Produzent ist und dass er das letzte Wort hat, entscheiden auch sie sich dafür, ein neues Album aufzunehmen. Und nun ist es also soweit; 20 Jahre nach Trouble Walkin’ und elf Jahre nach Psycho Circus veröffentlichen Ace Frehley und Kiss fast zeitgleich ihre neuen Studioalben Anomaly und Sonic Boom. Grund genug für mich, die beiden Alben einmal direkt gegeneinander antreten zu lassen.

kissvskiss_07_kiss01Während Ace auf Anomaly 12 Tracks gepackt hat, bringen es seine ehemaligen Arbeitgeber auf 11 Stücke. Ein Face To Face Vergleich ist also unumgänglich. Aber kommen wir ersteinmal zu den Aufmachungen der Alben. Kiss haben es natürlich mittlerweile faustdick hinter den Ohren und haben ein amtliches Package abgeliefert. Ein edel aufgemachtes Digipack, fettes Booklet mit tollen Fotos und allen Lyrics und dazu zwei CDs und eine DVD: Einmal natürlich das neue Studiowerk Sonic Boom, dazu die bereits eingangs kurz angesprochene CD Kiss Klassics mit den neueingespielten Altwerken der Band plus eine Live DVD mit dem Gig aus Buenos Aires, Argentinien 2009. Die DVD umfasst allerdings nur sechs Songs, dafür ist die Stimmung in Argentinien gigantisch. Da kann Ace nicht ganz mithalten, sein Album kommt ohne richtiges Booklet, dafür aber mit Miniposter, Pappschuber und das Digipack kann zu einer Pyramide aufgestellt werden. Bonustracks gibt es leider keine.

Aber ich kann euch sagen, dass beide Alben es in sich haben, also wird es Zeit sie gegeneinander antreten zu lassen.

Ladies And Gentleman, Let’s Get Ready To…. Rock’n'Roll!

Anomaly // Sonic Boom

01. Foxy & Free 01. Modern Day Delilah

Bei beiden Alben geht es gleich am Anfang deftig ab. Frehleys Opener ist ein typischer, rifforienterter Rocker, dessen Lyrics ein kleiner Jimi Hendrix-Tribut sind. Kiss lassen es mit einem ähnlichen Song richtig krachen, allerdings ist der Refrain des von Paul Stanley gesungenen Modern Day Delilah etwas modern geraten und kann nicht jeden  hundertprozentig überzeugen. Ich tippe hier auf Gleichstand, denn was Tommy Thayer solotechnisch bei Modern Day Delilah abzieht, liegt auf Ace-Niveau und gleicht somit den Refrain wieder aus.

1:1

02. Outer Space                                             02. Russian Roulette

Outer Space schlägt Kapital aus Frehleys Space-Ace Gimmick. Wieder ein richtiger Rocker mit einem starken Refrain, dessen Mörderriff einfach alles niederwalzt. Gene Simmons steuert den zweiten Track zu Sonic Boom bei und schreibt seinen besten Song seit I Love It Loud - klasse Strophen, ein stadiontauglicher Chorus und wieder eine super Arbeit von Thayer, der sich über das ganze Album betracht stattlich aus der Affäre zieht. Hier gebe ich den Punkt an Kiss.

1:2

03. Pain In The Neck                                      03. Never Enough

Die Rhythmus-Sektion, bestehend aus Anton Fig und Anthony Esposito, leitet diesen Song für Ace ein, der mit einem weiteren erstklassigen Riff einsteigt und eine der coolsten Nummern seiner Karriere bis jetzt bringt. Das Solo ist nicht von dieser Welt und typisch Ace, was für ein Volltreffer. Aber Kiss halten mit der zweiten Stanley-Nummer Never Enough stark dagegen. Der Song ist eine typische Kiss Hymne, bei der besonders Pauls Gesang heraus sticht. Eindeutige Sache, Punkt für Ace.

2:2

04. Fox On The Run                                       04. Yes I Know (Nobody’s Perfect)

Ace und seine Mannschaft schmeißen uns hier das exklusiv von Marti Frederiksen produzierte The Sweet Cover Fox On The Run in einer dermaßen gut gelaunten Version um die Ohren, dass wir einfach lächeln und glücklich sein müssen. Dazu spickt Ace das ganze mit feinen Leads – großartiges Cover. Kiss bieten derweil die zweite Gene Simmons Nummer und dieser Track ist ebenfalls besser als alles, was Gene seit Creatures Of The Night verfasst hat – hier mag ich besonders Genes Gesang in den Strophen und den coolen Refrain. Tommy Thayer glänzt hier einmal mehr – Punkt für beide.

3:3

05. Genghis Khan                                           05. Stand

Genghis Khan ist ein fast instrumental, es gibt nur sehr wenig Gesang. Die Akustikgitarre, die das Stück einleitet, ist toll, der Rest des Songs konnte mich nicht so packen. Währenddessen bringen Kiss eine unglaublich geniale Stadionhymne in Stand. Gene und Paul teilen sich den Gesang in den Strophen, während es im Refrain mehrstimmig zugeht – klasse! Hier ist klar, Kiss punkten und Ace geht leider leer aus.

3:4

06. Too Many Faces                                      06. Hot & Cold

Zu der Sorte der etwas seichteren Rocker könnte man Too Many Faces durchaus zählen, aber der Song hat trotzdem noch genug Dampf, um als anständiger Hard Rock durchzugehen. Dieser Song hätte gut auf Dynasty gepasst! Ace zockt hier ein grandioses Solo und dagegen können Kiss nichts ausrichten: Hot & Cold ist kein Katy Perry Cover, sondern ein schwacher Gene Song, ja beinahe schon ein Füller.

4:4

07. Change The World                                  07. All For The Glory

Change The World ist eine von drei echten Überraschungen auf Anomaly. Der Song ist eher ruhig gehalten, bietet eine tolle Gitarrenarbeit und wartet mit einer gigantischen Bridge auf euch. Aber auch Kiss starten nach einer eher schwachen Nummer wieder voll durch: All For The Glory wird von Dummer Eric Singer gesungen und drückt schön aufs Gas, dazu für gibt es ein starkes Solo. Hier treffen zwei totale Gegensätze aufeinander, aber beide punkten.

5:5

08. Space Bear                                                          08. Danger Us

Ein weiteres Instrumentalstück mit einem bitterbösen Riff, dazu gibt es ein schönes Solo vom Altmeister. Paul Stanley knallt uns derweil mit Danger Us einen weiteren stadiontauglichen Hit entgegen, hier geht der Punkt an Kiss.

5:6

09. A Little Below The Angels                                   09. I’m An Animal

“Alcohol was a friend of mine, it almost got me dead”. Mit diesen Worten leitet der mittlerweile trockene Ex-Kiss-Gittarist die starke Ballade A Little Below The Angels ein. Wunderbare Akustikgitarren, ein toll einsetzendes Schlagzeug und eine zu keiner Zeit peinlich wirkende Kinderstimme im Mittelteil. A Little Below The Angels ist die zweite Überraschung des Albums und für mich auch das Highlight beider Alben überhaupt. I’m An Animal hingegen ist eine weiteres Gene-Monster und nimmt neben Songs wie War Machine, Rock & Roll Hell und Not For The Innocent platzt. Ebenfalls ganz großes Kino – ich muss einfach beiden einen Punkt geben.

6:7

10. Sister                                                        10. When Lightning Strikes

Natürlich führt uns Ace mit Sister umgehend zum Hard Rock zurück und das tut er sehr gut, wieder sehr rifforientiert und mit einer tollen Schlagzeugarbeit von Scot Coogan. Kiss versuchen derweil mit When Lightning Strikes einen Song für Tommy Thayer zu schaffen, damit er live nicht mehr Shock Me spielen muss. When Lightning Strikes ist zwar ein ganz guter Song, aber natürlich kein zweites Shock Me. Wieder einmal beweist Thayer allerdings, dass er ein würdiger Ersatz, sofern das überhaupt möglich ist, für den original Spaceman ist. Ich gebe beiden einen Punkt.

7:8

11. It’s A Great Life                                       11. Say Yeah

It’s A Great Life ist die dritte und letzte Überraschung von Frehleys fünftem Solo-Album. Der Song ist wieder eher ruhig, mit einem tollen Gitarrensound und einer unschlagbaren Bridge. Paul Stanley wirft dagegen Say Yeah in den Kessel und versucht damit an alte Glanztaten wie Shout It Out Loud heran zu kommen. Diese Mission gelingt ihm nicht ganz und ich gebe den Punkt eindeutig an Ace.

8:8

12. Fractured Quantum

Einen zwölften Song gibts es nur bei Ace und deswegen spare ich mir hier der Fairness halber die Bewertung. Allerdings steht Fractured Quantum seinen drei Vorgängern in nichts nach und dieses Instrumentalstück zeigt deutlich, dass Ace von seiner Gitarrenkunst nichts eingebüßt hat. Ein toller Track mit sehr viel Feeling!

kissvskiss_06_ace02Nun möchte ich noch kurz auf die Produktionen der beiden Werke zu sprechen kommen. Während Sonic Boom von Paul Stanley perfekt auf den Kiss-Sound zugeschnitten wurde (Teile des Albums wurden sogar analog aufgenommen), stört mich an Anomaly, dass die Leadgitarre stellenweise etwas zu weit in den Hintergrund gemischt wurde. Ansonsten ist auch hier alles im grünen Bereich und Frehleys Scheibe rockt fett und kompakt durch die Anlage.

Abschließend kann ich nur noch einmal wiederholen, was das eindeutige Ergebnis von 8:8 schon sagt: Ace Frehley und seine ehemaligen Mitstreiter Kiss haben zwei absolut gleichwertige Alben abgeliefert. Jedes Album hat seine großartigen Momente und seine kleinen Schwachstellen, aber unterm Strich werden alle Kiss-Anhänger begeistert sein – so macht eine Trennung des original Line-Ups Spaß!

Kiss – Sonic Boom

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Facts

  • Release: 2. Oktober 2009
  • Label: Roadrunner Records
  • Format: CD
  • Songs: 11
  • Spielzeit: 43:18 Min
Links

Tracklist

  • 01. Modern Day Delilah
  • 02. Russian Roulette
  • 03. Never Enough
  • 04. Yes I Know (Nobody´s Perfect)
  • 05. Stand
  • 06. Hot And Cold
  • 07. All The Glory
  • 08. Danger Us
  • 09. I´m An Animal
  • 10. When Lightning Strikes
  • 11. Say Yeah

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Ace Frehley – Anomaly

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Facts

  • Release: 18. September 2009
  • Label: Season Of Mist
  • Format: CD / Vinyl
  • Songs: 12
  • Spielzeit: 54:40 Min
Links

Tracklist

  • 01. Foxy And Free
  • 02. Outer Space
  • 03. Pain In The Neck
  • 04. Fox On The Run
  • 05. Genghis Khan
  • 06. Too Many Faces
  • 07. Change The World
  • 08. Space Bear
  • 09. A Little Below The Angels
  • 10. Sister
  • 11. Its A Great Life
  • 12. Fractured Quantum

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2 thoughts on “Kiss Vs. Kiss

  1. Firefly says:

    Sehr gut geschrieben, aber ich finde nicht, dass man zwei Alben auf diese Weise gut vergleichen kann. So werden immer nur zwei Songs miteinander verglichen und der jeweils bessere ausgewählt, aber das Große und Ganze wird dabei ignoriert.
    Ein Beispiel: Song #2:
    Ich finde Russian Roulette, als auch Outer Space genial, wobei Outer Space für mich der beste Song auf Anomaly ist. Gene’s Roulette ist jedoch starke Konkurrenz und in diesem Fall wurde Gene der Punkt verliehen. Allerdings wenn man finde, dass Outer Space besser ist als die meisten anderen Songs auf dem anderen Album, so bekommt Outer Space dennoch keinen Punkt. Es werden immer nur zwei völlig aus dem Kontext gegriffene Songs verglichen und am Ende werden die “Punkte” dann summiert und verglichen. Es werden lediglich Songs miteinander verglichen, aber nicht die Alben. So sollte man keine Alben vergleichen. ;-)
    Eine Alternative wäre eine Punktevergabe (bspw. 0 bis 10 Punkte) für jeden einzelnen Song, ohne direkten Vergleich zu einem anderen Song. Am Ende wird dann der Durchschnitt ermittelt und mit dem Durchschnitt des anderen Albums verglichen.

    Aber abgesehen davon ist der Artikel wirklich sehr gut geschrieben und bei solchen Artikeln ist ja eigentlich auch nur das, was zählt. Es liest sich gut. ;-)

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