Waaaas?! Die kennst du nicht?

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…”Das ist ein echter Klassiker! Das sind Commander Cody And His Lost Planet Airmen* mit ihrem 72er Hit Hot Rod Lincoln. War 1972 auf dem Hot Licks, Cold Steel & Trucker’s Favourites drauf. Ich hab das Ding in einer super seltenen Version, blaues Vinyl. Klingt scheiße, sieht aber geil aus. 200 Stück weltweit, ich habe eine”.

Wer kennt diese Sprüche nicht? Meistens fallen sie, wenn einem Freunde einen Song von irgendeinem ranzigem Tape in ihrem Auto vorspielen oder bei einem gemütlichen Bier dir ihre gesamte Plattensammlung vorspielen. Ersteres erfolgt meistens auf dem Weg zu einem Konzert oder dem abendlichem Ausgehen. Mann sitzt gemütlich mit 5 Mann in einem Opel Corsa B (der Fahrer hat ihn von Mama geliehen weil sein E320 in der Werkstatt ist) und man selber hat das Glück vorne zu sitzen. Das ist der Fehler; setzt euch niemals nach vorne! Hinten hat man seine Ruhe, trinkt sein Bierchen und guckt aus dem Fenster, solange bis man am Ziel angekommen ist und aussteigen kann. Aber wehe man setzt sich auf den Beifahrersitz. Kaum rollt man vom Parkplatz geht es los. “Kannst du mal bitte im Handschuhfach nach der CD Motherfuckin’ Rare Tracks suchen?” Frohen Mutes öffnet man das Handschuhfach und Sekundenbruchteile später hat man ca. 200 CDs, einen Eiskratzer, fünf benutzte Taschentücher und einen Straßenatlas von 1992 auf dem Schoss. Der Fahrer gibt den freundlichen Hinweis “Die CD ist in Rot beschriftet!” und man macht sich sofort auf die Suche. Natürlich sind alle CDs Rot beschriftet und nachdem man den Fahrer dafür aufgezogen hat das er eine Rihanna CD mit sich führt (“Die ist von meiner Mutter”), findet man schließlich besagte CD. Kaum ist sie im dafür vorgesehenen Schacht verschwunden, ertönt auch schon das erste Lied. Meist gehört dies noch zu der bekannteren Sorte, wir gehen jetzt mal davon aus das es Led Zeppelin‘s Out On The Tiles ist. Natürlich bringt uns das sofort dazu zu reagieren.

wdkdn_lz01“Hey, das ist doch Led Zep’s “Out On The Tiles” vom dritten Album. Ist ja angeblich das Akustik-Album von denen, aber hat ja auch rockende Songs, wie auch Immigrant Song. Und das ist der größte Fehler, den ihr machen könnt! Nur dafür ist der erste, etwas bekanntere Song da! Er zielt auf nichts anderes ab, als euch in eine Diskussion zu verstricken, aus der ihr nie mehr heraus kommt, denn wenn ihr euch erst mal als Klugscheißer versucht habt, bekommt ihr es erbarmungslos zurück. Die nächsten 20 Songs auf dem Album sind nämlich weit weg von Led Zeppelin‘s unbekannteren Nummern. Sie sind wahrscheinlich weiter weg von Led Zeppelin als Britney Spears. Also im übertragenem Sinne. Auf jeden Fall plätschert da etwas, was sich nach Gesang, elektrischen Gitarren und Schlagzeug anhört in einer unvorstellbarer schlechten Soundqualität aus den Autolautsprechern. Dazu kommt das Geschwindigkeitsrauschen des Opels auf der Autobahn. Nach etwa 2 unendlich langen Minuten wird man gefragt, ob man den Song kennt. Natürlich bleibt einem nichts anderes übrig, als mit dem Kopf zu schütteln und ab hier sitzt man in der Falle. Da nützt es auch nichts aus dem Fenster zu starren, einen Hustenanfall zu bekommen, sich kräftig die Nase zu schnäuzen oder einen Unfall zu verursachen. Und dann bekommt ihr es zu hören.“Waaas?! DEN Song kennst du nicht?”. Danach folgt eine amtliche Belehrung, und egal wie desinteressiert ihr auch seit, egal wie oft ihr versucht das Thema umzulenken, ihr werdet es euch bis zum Schluss anhören müssen. Der einzige Vorteil an der ganzen Sache ist, dass man am Ende der kleinen Musikgeschichtsstunde beim vorletzten Song der Platte angekommen ist und sich diese Tortur nur noch ein einziges Mal geben muss. Ist die Scheibe schließlich durchgelaufen, grölen die Mitfahrer von der Rückbank, die natürlich aufgrund ihrer Biertrinkung nichts von alledem mitbekommen haben, schon lautstark nach Highway To Hell (Also wer den nicht kennt!!!) und man ist erlöst.

wdkdn_acdc01Zu Hause läuft das Ganze natürlich ähnlich ab, es gibt allerdings ein paar gravierende Unterschiede. Zunächst einmal legt der Besitzer der raren, ultra seltenen, gesuchten und sau teuren Songs selber auf, ist ja schließlich seine Wohnung, und er wird niemals, wirklich niemals einer AC/DC (Verplappert) Aufforderung hinterher kommen solange er seinen Gästen nicht auch seine letzte Rarität in voller Länge gezeigt hat. Hinzu kommt, dass hier im heimischen Wohn-/Musikzimmer niemand isoliert ist. Hier gibt es keine Rückbank, hier gibt es nur die Couch. Keine Fluchtmöglichkeit, kein Ausweichen und keine Ausreden. Hier muss alles ausgesessen werden. Es gibt wirklich keinen Ausweg! In den anderen Teilen der Wohnung hat man nichts verloren, man ist ja nur zu Gast, und im Bad kann man auch nicht ewig bleiben. Selbst wenn man es versucht, der Gastgeber wird eine Pause einlegen, bis ihr wieder zurück seid, selbst wenn ihr 3 Tage da drin bleibt. Auch zu Hause wird der geneigte Underground-Kenner euch zunächst mit ein paar bekannteren Stücken anlocken. Natürlich liegt auch hier der Fehler wieder bei euch; selber Grund wie oben. Springt bloß nicht darauf an! Der Rest mit dem “Waaas?! DEN Song kennst du/ihr/wir alle nicht?” und der Belehrung bleibt natürlich gleich. Never Change A Running System.

Im Grunde genommen gibt es drei Typen der “Underground-Kenner”. Der erste ist natürlich der Ober-Geek, Honk, Depp, Musiker. Wenn man ihn Sachen fragt wie “Kommst du heute Abend mit auf ein Bierchen in der Kneipe um die Ecke?” bekommt man meistens antworten alla “Neee du, ich muss heute Abend noch 10 Platten durchhören und mir die Biografie von Restless & Naked (An alle Underground-Kenner: Bevor ihr jetzt schwitzige Hände bekommt, weil ihr was nicht kennt; es ist eine erfundene Band) lesen. Sorry!”. Er hört alles, kennt alles, kennt alle Geschichten der Bands und ihm gehört die größte Plattensammlung der Stadt. Im Grunde genommen ist er der Prototyp eines Menschen dem Musik wirklich wichtig ist, und jeder sollte danach streben, so zu sein wie ich, eeeeehhh wie er. Der zweite ist der Durchschnitts-Musik Fan, also so eher der Normalo. Also irgendwie auch nicht, er widmet sich schon stark der Musik, aber kennt halt nicht immer jedes Demo aus den Sechzigern, weiß nicht das Yoko Ono John Lennon erschossen hat und Elvis ein Außerirdischer war. Seine Stärken liegen eher bei den unbekannten bekannten Sachen. Hier komme ich ganz persönlich ins Spiel. Eine meiner absoluten Lieblingsscheiben ist Alice Cooper‘s Love It To Death und seit Jahren habe ich das Gefühl, dass ich der einzige Mensch bin, der diese Platte kennt und liebt.

wdkdn_ac01Wenn irgendwelche Leute Alice Cooper hören, dann meistens die Sachen aus den Achtzigern, Poison und so. Auch in den Diskotheken und Kneipen werden nur solche Songs gespielt, aus den Siebzigern gibt es maximal School’s Out und No More Mr. Nice Guy. Wenn ich die Leute, die zu Poison abgehen frage, ob sie auch die alten Sachen mögen, Love It To Death und Killer sind meist meine zwei Nenner, schütteln sie mit dem Kopf. Dabei hatte Love It To Death mit I’m Eighteen einen echten Hit, doch seitdem der gute Alice diesen nicht mehr Live spielt, scheint er auch bei den Leuten aus dem Kopf zu sein. Killer konnte immerhin noch das grandiose Dead Babies aufweisen – was für ein Skandal-Song. Und Hanoi Rocks haben in den Achtzigern immer Under My Wheels gecovert. Was du kennst die nicht?! Und so geht es mir mit verdammt vielen Werken, die eigentlich bekannt sein müssten. Egal welchen Albumtitel man manchen Leuten zu wirft, man erntet immer das gleiche verdutzte Gesicht mit der gleichen dämlichen Gegenfrage. “With The Beatles?” “Mott?” “Who’s Next?” “Hääääh The Hellawas?” Was bringt eigentlich dieses doofe Wiederholen des gefragten Albums? Doch zurück zum Thema. Der zweite Underground-Kenner ist also der Durchschnitts-Musikfan der sich mit den unbekannten bekannten Sachen auskennt. Aha. Der dritte ist der immer vorgibt alles zu kennen. Okay, der lässt sich nicht wirklich zu 100% mit den anderen beiden Typen vergleichen und wäre eine eigene Kategorie würdig, aber ich muss doch irgendwie drei zusammen kriegen. Auf jeden Fall ist Typ Nummer 3 derjenige, der auf jede Frage sagt “Ja kenne ich. Ist das nicht auf der… ah Scheiße, ich hab es vergessen.” obwohl er keinen blassen Schimmer hat. Die Antwort kann natürlich nach Belieben variiert werden. “Ach du kacke, das habe ich seit Jahren nicht mehr gehört. Wer ist das nochmal? Die Stones?” und so weiter und so fort. Der große Vorteil an Typ #3 ist, dass er mit 99% Erfolgschance dazu führt, nicht als totaler Vollidiot dazustehen und sogar von den richtigen Underground-Freaks geachtet zu werden. Schließlich kennt man den Track ja, weiß welche Band das ist, nur man kommt halt eben nicht drauf.

wdkdn_rs01Und nun zum Abschluss das Wichtigste; ich verwandel mich am Tag ca. 51-mal von Typ 1 zu Typ 2 und mindestens genauso oft zu Typ 3. Man lernt eben nie aus, lernt immer wieder neue Bands kennen und findet im Plattenladen seines Vertrauens einen neuen Schatz, der nur darauf gewartet hat entdeckt zu werden. Man mag es nach der Lektüre meines Artikels kaum glauben aber auch im Plattenschrank der drei verschiedenen Typen von Underground-Kennern findet sich die ein oder andere Perle. Solange man sich mit Herz und Seele der Musik hingibt, ist es egal, ob die Musik dem tiefsten Underground entstammt oder ob sie zu Weltruhm erlangt ist; solange man sich damit identifizieren kann und seinen Trost darin findet, ist jeder ein Underground-Kenner.

Ich jedenfalls gehe mir nun das aktuelle Dollhouse Album anhören. WAS?! Ihr kennt die nicht?!

PS: Und bitte vergesst nicht, euren Freunden immer eure neuen Entdeckungen vorzuspielen! Ich bedanke mich an dieser Stelle bei all meinen Freunden und Kollegen, die mich schon mit soviel neuem Stoff versorgt haben!

* Egal wie treffend der Name auch sein mag, Commander Cody And His Lost Planet Airmen sind tatsächlich eine Band und keine Figur aus Star Wars.

8 thoughts on “Waaaas?! Die kennst du nicht?

  1. Firefly says:

    Hehe… die einzige Band, die ich nicht kenne, sind diese Commander Cody And His Lost Planet Airmen. Ich glaube ich gehöre ganz klar zu Typ 2. ;)

  2. Eric Eric says:

    Ich fühle mich geehrt :D

  3. KoenigOlly says:

    Haha,die Erica! Ich hätte es nicht besser schreiben können! :-)

  4. Nise says:

    Bunt ist das Dasein und granatenstark. Commander Cody rockt.
    Eure Seite übrigens auch =)
    Hab’ eben mal ein paar Interviews gelesen und find die echt gut. Rocker sind also auch nur Menschen, nach dem, was man da so liest.
    Am Anfang war ich ja ein bisschen skeptisch, was diese zitierten Textstellen angeht, aber im fertigen Interview machen die sich gut. Liest sich super.
    Bis zu den Reviews bin ich noch nicht gekommen.
    Schreib ma ne Kolumnenfortsetzung und ich spreade derweil ma eure Seite all over the world.
    Cheers!

  5. Garth Elgar says:

    Ich esse gerne rote Lakritzstangen :-)

  6. Mario says:

    Du hast ein Stück deiner Seele rausgeschnitten und es in den Artkikel gepackt, das merkt man total und es macht wirklich Spaß zu lesen und zu sehn wie du völlig in deinem Element steckst.
    Ich bin gespannt was noch so folgt, aber bisher isses goil ;)
    Besten Gruß
    Mario

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