Rentnerbands

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Das knallbunte Fisher-Price-Kinderradio spielt meine persoenlich zusammengestellte Best Of der Stones. Wir teilen uns das Zugticket mit zwei Ossis. Vater und Sohn. Denn auch das sind die Stones: Generationsübergreifend. Die olle Schaffnerin kommt ein halbes dutzend Mal und bittet uns immer wieder das knallbunte Kinderradio leiser zu machen. Wir trinken Bier aus den Bechern der Bridges- und der Licks-Tour.

Als wir in Hamburg ankommen, sind wir ganz schön blau. Ab mit der U-Bahn nach Stellingen zum Stadion. Die Ossis haben wir verloren. Vermutlich war ihnen die Musik zu laut; mittrinken wollten sie auch nicht. In der Bahn treffen wir auf neue Weggefährten. Die-Hards, die gerade aus Düsseldorf kommen, wo die Stones zwei Tage zuvor gespielt haben. Davor Lausanne, Oslo, Kopenhagen… Sie reisen der Band hinterher. „Wie oft habt ihr sie jetzt schon gesehen?“, frage ich. „Das ist heute mein dreiundsiebzigstes (73) Mal.“ Der Typ führt Buch. Und was er alles gesehen hat. Circus Krone in den Sechzigern, Grugahalle mit Mick Taylor, wieder Circus Krone 2003.
„Die Karte für den Circus Krone hat mich tausend (1000) Euro gekostet, aber es war jeden Cent wert.“

Am Stadion trennen wir uns: „Ne du, die Vorband haben wir letztes Jahr schon gesehen. Kannst vergessen.“ Natürlich wissen sie es. Aber sie gehen trotzdem hin. Gehört eben dazu. Die Vorband: Starsailor. Der Name spricht Bände. Matt Sorum, ehemals Guns N’ Roses, hat mal gesagt, er verstehe nicht, warum sich die Bands heutzutage solch beschissene Namen geben. Starsailor gehört definitiv dazu. Eigentlich hätte Amy Winehouse die Show eröffnen sollen, aber der geht es nicht gut. Schade drum, denn ein Duett mit Mick wäre sicherlich zu einem Highlight der gesamten Tour geworden. Aber ihr geht es nun mal nicht gut. Wir treiben uns außerhalb des Stadions rum. Irgendein Hamburger Radiosender hat eine kleine Bühne aufgebaut und spielt ausschließlich die Stones. Das ist auf jeden Fall besser als Starsailor und sogar besser, weil lauter, als das bunte Kinderradio. Wir setzen uns auf die Bühne, kaufen das ein oder andere Bier und wünschen uns ein paar Songs. Und weil wir so coole und charmante Typen sind, finden wir auch gleich neuen Anhang. Irgendein schmutziger Junkie mit Einstichlöchern auf beiden Armen zeigt uns stolz die Schusswunde in seiner rechten Wade. Warst wohl in Kunduz, Kamerad?! Er lädt uns auf einen Joint ein. Die Sonne scheint, wir sind betrunken, wir rauchen Bobel und hinter uns läuft No Expectations; ein guter Tag.

Und dann gesellt sich Paps zu uns. Paps ist ungefähr sechzig und trägt an diesem heißen Augusttag tatsächlich einen Trenchcoat Marke „Chow Yun-Fat“. Und wenn wir schon dicht sind, dann steht Paps kurz vorm Delirium. Der Gute kann kaum noch stehen. Er gesellt sich zu uns auf die Bühne und wir rauchen mit ihm die Tüte auf. „Habt ihr noch was davon?“, fragt Paps kaum verständlich, aber der Junkie wittert sofort ein Geschäft. „Wie viel willst denn?“ „So `ne Tüte.“ Paps kramt in der Tasche seines Trenchcoats. Verdammt, was hat der denn da? Vier Fünfziger und seine Eintrittskarte, eine teure Eintrittskarte, fallen auf den Boden. Mit Mühe hebt er alles wieder auf. Der Junkie schaut uns an: „Halbe, halbe?“ Aber gut, dass Paps uns hat. Wir kaufen von Paps Geld ein bisschen Bobel und der Junkie zischt endlich ab. Kameradschaftlich bricht Paps das Hasch in zwei Teile, schenkt uns die eine Hälfte und bittet uns, von seinem Stück noch eine Tüte zu drehen. Irgendwann hört die Musik hinter uns auf zu spielen. Es ist Zeit, ins Stadion zu gehen. Aber Paps kann kaum noch laufen. Wir schleifen Paps zur Eingangskontrolle, wie man einen Verwundeten vom Schlachtfeld zerrt. Immerhin hat er eine Eintrittskarte und auch noch eine sehr teure. Die Leute von der Sicherheit lassen uns passieren. Good Job, Jungs! Doch kurz hinter der Schleuse entschließt sich Paps zu pinkeln. Er geht allein zum Gebüsch, holt seine Lunte raus, schifft los und fällt um. Tatütata. Sofort sind Sanitäter und Sicherheitsleute da. „Keine Panik, das ist unser Paps“, sage ich. „Paps hatte einen anstrengenden Tag.“ Und wieder bleiben alle cool.

Wir rasten den vollgepissten Paps ein und bringen ihn zu seinem Platz. Ich gehe vor, die Eintrittskarte in der Hand und mein Kumpel kommt mit Paps im Schlepptau hinterher. Hier sitzen ja nur Bonzen! Jacketts und Hemden und sogar die ein oder andere Krawatte. Heidewitzka! Ich gehe die Reihe durch und suche Paps’ Sitzplatz. Da ist er! Und rechts und links davon Bonzen-Pärchen, die nur hier sind um Satisfaction mal live gehört zu haben. „Meine Damen und Herren“, sage ich und all die Bonzen schauen mich entgeistert an. „Darf ich Ihnen Ihren Sitznachbarn für die nächsten hundertfünfzig Minuten vorstellen?!“ Und da kommt mein Kumpel auch schon und zieht den vollgepissten Paps hinter sich her. Ich zeige in seine Richtung: „Willkommen zum Beggars Banquet; das ist unser Paps!“ Die Bonzen finden das gar nicht so komisch. Und unten auf der Bühne spielt Keith gerade das Eingangsriff zu Start Me Up. Es wird Zeit, Paps seinen neuen Freunden zu überlassen.

Schlimmer als die Geldmacherei dieser Opa-Bands mit ihren Konzerten ist ihre Unkreativität. A Bigger Bang oder Black Ice sind nur äußerst durchschnittliche Alben. Bei A Bigger Bang blieb der finanzielle Erfolg weitestgehend aus. Nicht das Album an sich war wichtig, sonder das Album als Grund für die Welttour. Black Ice schlug ein wie eine Bombe. Wochenlang führte es die Charts an. Aber Hallo? Black Ice gehört selbst in der Post-Bon-Scott-Ära zu den schwächsten AC/DC-Alben. Man könnte sagen, diese Bands tun das, was sie am besten können. Ich behaupte aber, dass sie das tun, was am meisten Erfolg hat und somit am meisten Geld einbringt.2007 war es bei den Stones Standard, dass der komplette Innenraum bestuhlt war. Sicherlich hing das mit dem schleppenden Verkauf der Eintrittskarten des 2006er Europa-Legs zusammen. Wenige reiche Sesselpupser bringen nun mal mehr Geld ein, als ein Haufen hungriger Fans. 1965 wurde die Berliner Waldbühne von den Stones-Fans auseinandergenommen und heute sitzen im Innenraum genau diejenigen, die vor fünfundvierzig Jahren zu uncool waren, die Stones zu hören oder auf ihre Konzerte zu gehen. Aber den Bonzen und Event-Fans kann man keinen Vorwurf machen. Es ist die Band, es sind die vielen alten Bands, die in den Konzertbesuchern nur noch Finanziers und keine Fans mehr sehen.

Bei den Stones gipfelte es 2007 in einem Konzert in Barcelona vor 700 ausgewählten Schlipsträgern: Veranstalter war die Deutsche Bank.  Im Radio lief neulich ein Interview mit Chuck Leavell, Ex-Allman Brother und heute Keyboarder bei Eric Clapton und den Stones. Leavell ist für die Zusammenstellung der Setlist vor jedem Stones-Gig verantwortlich und er sprach deutlich das aus, was eh schon jeder weiß: Obwohl mindestens die Hälfte aller Besucher eines Stones-Konzertes nicht zum ersten Mal die Band sehen, richtet sich die Setlist an diejenigen, die gekommen sind, um Satisfaction und Brown Sugar zu hören. Und es ist scheißegal, dass dem Gros des Publikums genau diese Songs aus den Ohren raushängen. Natürlich ist es das Normalste von der Welt, dass eine Band ihre größten oder zumindest erfolgreichsten Songs performt. Nur ist es bei den Stones so, dass sie nach eigener Aussage ein Live-Repertoir von ungefähr 200 (!) Songs besitzen. Zweihundert Songs, die ohne viel Mühe zu jeder Zeit abgerufen werden können. Und wenn man dann überlegt, was für Perlen sich in der Historie dieser Band verstecken, dann ist es umso bitter, wenn man sich die Setlisten unter die Lupe nimmt.

Die Fans von AC/DC wollten sich das im vergangenen Jahr nicht mehr gefallen lassen. Nachdem die Die-Hards wochen- und monatelang ihrer Band hinterher getourt waren, hatten sie die Schnauze voll. Jeden Abend die selben Songs zu hören, dass ist sogar dem eingefleischtesten Fan zu viel. Und so starteten sie eine Onlie-Petition. Ob Angus und Co jemals davon zu hören bekamen und ihre Setlist umstellten, ist mir nicht bekannt. Mir reichte es jedenfalls 2009 ein Konzert der Black Ice-Tour besucht zu haben. 2010 hatte ich keinen Bedarf mehr. Und AC/DC kann es egal sein, ob sich 10.000 Fans ärgern, jeden Abend die selbe Musik zu hören; bis dato kamen über 1,8 Millionen Zuschauer zu den diesjährigen Konzerten. 1,8 Millionen Fans, die sehr viel Geld für die Eintrittskarten bezahlt haben. Doch sollte der Anspruch eines Künstlers nicht darin bestehen, sich stets neu zu erfinden? Musiker haben eine ungewollte und angeborene Zeit der Selbst- und Sinnfindung in ihren 30er-Jahren.

Nehmen wir die Stones oder Aerosmith als Beispiel (und dieses Beispiel ließe sich beliebig weiterführen): Beide Bands waren irgendwann weg vom Fenster, weil sie a) nicht mehr ihre alte Klasse aufweisen konnten (die Gründe hierfür sind so mannigfaltig wie der Drogenkonsum dieser Bands) und b) weil sie einfach den Zeitgeist verpasst hatten. Und dann wird experimentiert und experimentiert und experimentiert. Denn so große Bands haben doch den Anspruch, die Musik neu zu erfinden. Und dann, irgendwann mal, da kommt die Zeit, wo diese Bands merken, dass sie nicht mehr in der Lage sind, die Musik neu zu erfinden, weil neue und hungrige Bands nachgerückt sind und dann besinnen sich die Alten auf das, was sie am besten können: Dieselbe Musik machen, die sie groß gemacht hat. Und mir kann einer sagen was er will, aber im Falle von Aerosmith und den Stones hatte eine Kapelle aus L.A. Einen nicht unerheblichen Anteil an deren Comeback in den späten 80ern, frühen 90ern: Guns N’ Roses. Es waren die Guns, die ihre unterschiedlichen Einflüsse verstanden zu bündeln und dann mit Appetite For Destruction eine Granate auf den Markt brachten, die als Gipfelpunkt und Wendepunkt der Achtziger gelten kann. Erst kürzlich behauptete Slash im Classic Rock- Magazin, dass Mick Taylor sein großes Idol sei. Und es ist genau die Art von Gitarrenriff à la Sticky Fingers oder Exile, die wir auf den großartigen Use Your Illusions (1991) finden. Und in seiner Biographie erwähnt Slash eine nette Anekdote: Er traf ein hübsches Mädel und es hätte eventuell mit ihr zum Geschlechtsverkehr kommen können, wenn da nicht in ihrem Plattenregal die Toys In The Attic gewesen wäre. Er ignorierte die Braut und ihre Annäherungsversuche und verliebte sich stattdessen in Sweet Emotions.

Kurz: Guns N’ Roses brachten die alte (und gute) Musik wieder zurück. Die stumpfsinnigen Achtziger mit ihren Rock-Missgeburten waren schlagartig vorbei. Und mit dem Siegeszug der Guns besannen sich Bands wie die Stones und Aerosmith wieder auf ihre Ursprünge und hatten große Erfolge. Die Stones festigten ihren Status als größte Rock ‘N’ Roll-Band der Welt und Aerosmith erlebten ihren zweiten Frühling. Aber hier sind wir wieder bei der Problematik: Bands wie Aerosmith und die Stones ernteten mit ihren Experimenten einen herben Niederschlag. Dann kamen sie auf das zurück, was sie auszeichnet und wo sie (fast schon automatisch) Erfolg mit haben, doch weder brachten Alben wie Voodoo Lounge oder Get A Grip die Musik voran, noch konnten Bands eine Weiterentwicklung verzeichnen. Diese Alben waren ordentlich, vielleicht gut, womöglich sehr gut, nichtsdestotrotz sind sie Kapitulationen. Kapitulationen vor der Hörgewohnheit der Fans und Kapitulationen vor dem Versuch, wirklich kreativ zu sein.

Eric schrieb mir neulich, dass er besonders die Alben mag, die wenig erfolgreich waren und die womöglich einen Tiefpunkt in der Karriere der jeweiligen Kapelle darstellen. Ich persönlich höre gerne hochwertige Musik und manchmal geht hochwertige Musik auch konform mit den Verkaufszahlen. Manchmal aber nur. Jedenfalls ist es bei mir so, dass ich eine Band niemals wegen ihres Mutes zur Veränderung schelte. Ob ich es dann mag oder nicht, das ist eine andere Geschichte. Bei Guns N’ Roses kam 2008 mit Chinese Democracy ein Album auf den Markt, dass meilenweit von den Hörgewohnheiten der eingefleischten Fans entfernt war. Ich selber mag das Album nicht. Kein Song ist homogen. Alles wirkt zusammengeschustert. Klaro, die Songs benötigten teilweise eine Entwicklung von einer Dekade und verzerrten etliche Musiker und Produzenten; eine Wunschgeburt sieht meiner Meinung nach anders aus. Dennoch! Dennoch war das Album ein Wagnis. Axl Rose ist seinen Weg gegangen. Er hat sich von niemanden irritieren lassen (nur von sich selbst) und hat Ende der Neunziger damit begonnen, ein Album zu kreieren, von dem er ausging, dass es die Rockmusik der Zukunft verkörpere. Das Album war ein Flop. Aber wenigstens hatte Axl die Eier, sein Programm durchzuziehen. Ich scheue es nicht, das Album zu kritisieren und Slash und Izzy wieder herbei zu fordern, dennoch achte ich dieses Wagnis weitaus mehr, als all die oben geschilderte aufgewärmte Kacke.

Zudem gehört Axl Rose zu den wenigen gestandenen Rockstars, die noch als gefährlich und unberechenbar gelten dürfen. Zum Tourauftakt der aktuellen Welttour meldete er sich mit einem astreinen Punsh gegen einen aufmüpfigen Paparazzi zurück. Irgendwie ist er doch noch der Alte. Metallica wagten 2003 mit St.Anger ein nicht ganz so krasses Experiment, trotzdem stießen sie bei Fans und Hörern größtenteils auf Ablehnung. Heute finden sich in den Setlisten der Band keine Songs von St.Anger. Das Album wird schlichtweg ignoriert. Death Magnetic vereinte dann wieder alles, was die Fans wollten: Songs beeinflusst von denjenigen Songs, die die Band groß gemacht haben. Und was ist besser: Aufgewärmte Kacke, die dennoch nicht an die alten Qualitäten herankommt oder etwas völlig Neues?

Wenn ich heute auf ein Konzert einer Band gehe, dessen Mitglieder die Vierzig überschritten haben und die früher als gefährlich und unberechenbar galten, dann weiß ich mit Bestimmtheit, dass es ein ordentliches, vielleicht sogar ein gutes Konzert wird. Die alten Herren wissen, dass ihre Shows zu sehr durchgeplant sind, dass das Publikum außerordentlich viel Geld für die Tickets bezahlen musste und darum wird die Flasche Jack vor dem Konzert lieber gegen eine Line Koks getauscht; damit ist die Leistungsfähigkeit gegeben und es kommt auf gar keinen Fall zu negativen (und interessanten) Überraschungen. Da bedarf es schon einem vollgepissten Paps, der den Schlipsträgern auf ihren arschteuren Plätzen zeigt, was wirklicher Rock ‘N’ Roll ist.  Und wenn kein Paps zu Stelle ist, dann freuen sich die Bonzen über ein gelungenes Rock ‘N’ Roll-Musical.

Autor: Tidl

2 thoughts on “Rentnerbands”

  1. Mr best hip hop lover says:

    This essay makes me see of why i love free hip hop music downloads.

  2. Niko says:

    Hi Tidl! Auch wenn ich nicht mit allen Aussagen 100% d’Accord gehe, finde ich den Artikel lesenswert und interessant (Paps rocks! \m/). Bei vielen Bands geht das künstlerische irgendwie verloren mit der Zeit und sie vertrauen nur noch auf altbewerte Formeln, anstatt ein Risiko einzugehen. Zum einen sicher verständlich, allerdings auf Dauer sehr eintönig. Als bestes Gegenbeispiel fällt mir dazu Bruce Springsteen ein. Da wird ganz selten mal Born In The USA gespielt und die sehr lange Setlist wird auch stark variiert und sogar zum Teil vom Publikum bestimmt(durch Plakate). Bruce Springsteen mag zwar nicht viel mit dreckigem Rock’n'Roll zu tun haben, aber von der Arbeitseinstellung könnten sich so manche Bands ne Scheibe abschneiden.
    Auf weitere interessante Artikel!
    Euer größter Fan,
    Ich

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