Double Feature # 1-Imperial State Electric

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Schon vor einiger Zeit kam mir die Idee, ein „Double Feature“ einzufuehren – sprich Review und Interview in einem Artikel. Aber natuerlich brauchte ich fuer die Umsetzung dieser genialen Idee erst einmal eine Band, die dieser Herausforderung gewachsen ist und deren Album diesen Aufwand wert ist. Wer sollte dafuer besser geeignet sein als der Meister des modernen Oldschool Rock&Roll Himself: Nicke Andersson.

Imperial State Electric Album CoverNachdem Ende der Hellacopters stürzte sich Nicke Andersson in jede Menge Arbeit: Zunächst rockte er jeden Abend den schwedischen FanClub in Stockholm mit der vielleicht heißesten Hausband der Welt, Cold Ethyl (benannt nach dem Alice Cooper Song, wie sollte es auch anders sein?), und nahm ein neues Album mit seiner Death Metal-Band Death Breath auf. Nun kehrt er mit einem klassischeren Sound zurück. Imperial State Electric nennt sich Mr. Royales neues Projekt, in dem er den Ton angibt. Auf der offiziellen Homepage der Band verkündet er stolz: „Imperial State Electric is the place or state of mind in which I am the lone Emperor.”

ISEUnd genau das ist Programm. Jeder Song stammt aus der Feder von Nicke Andersson und er spielt auch nahezu jedes Instrument selbst. Nur bei einigen ausgewählten Songs holte Nicke sich Hilfe von außerhalb. Das Ganze hat ein bisschen den Anschein eines Befreiungsschlages – endlich einfach nur das zu machen, worauf Nicke gerade Bock hat, ohne sich an den Bandkollegen orientieren zu müssen. „Ich würde nicht unbedingt sagen, dass Imperial State Electric so etwas wie ein Befreiungsschlag ist“, sagt Nicke nachdenklich. „Eigentlich geht es bei Imperial State Electric darum, das ganze Projekt so offen wie möglich zu lassen. Jetzt habe ich die meisten Songs selber eingespielt und mir nur ab und zu Hilfe dazu geholt – eben dann, wenn jemand meinte, er könnte diese Stelle besser spielen als ich oder sowas in der Art. Aber wer weiß, beim nächsten Album spiele ich ja vielleicht alles alleine ein? Vielleicht gibt es auch für das ganze Album die gleiche Band? Oder eine ganz andere Option wäre für jeden Song andere Leute ans Bord zu holen – ich werde sehen, was geschieht, und solange dabei etwas Gutes rauskommt, kann ich damit leben. Das ist der Imperial State Electric-Gedanke“, fügt Nicke hinzu. Auf dem Album gibt es einige Duette und Gastmusiker, doch dazu später mehr – wer will, kann die gesamte Liste der Gastmusiker natürlich im Albumcover nachlesen.

Der Meister: Nicke AnderssonWenn mich jemand fragen würde (tut ja eh keiner), wie Imperial State Electric klingen, würde ich mit einer Gegenfrage antworten: Hast du Rock&Roll Is Dead von den Hellacopters gehört? Imperial State Electric sind meiner bescheidenen Meinung nach die logische Fortsetzung bzw. eine konsequente Weiterentwickelung dieses Albums. Es gibt im Sound von Imperial State Electric ein kleines bisschen weniger Kiss, dafür ist der Anteil der Beatles etwas gestiegen. „Ein paar Leute sagen, das Album hört sich mehr nach Kiss an als jemals zuvor – es liegt also ganz am Zuhörer. Auf dem Album sind nur ein paar Songs zu hören, die ich in der Zeit der Entstehung geschrieben habe. Wenn ich Songs schreibe, dann habe ich nicht vor, sie so oder so klingen zu lassen – es passiert einfach so. Ich wollte einfach eine geile Rock&Roll-Platte einspielen!“, sagt Nicke zu meinen Anschuldigungen bezüglich des Sounds. Da ich auch schon Nickes neues Projekt mit seiner alten Band, den legendären Hellacopters, verglichen habe, liegt es natürlich nahe, das ihm diese Vergleiche mittlerweile ganz schön auf die Nerven gehen. „Nein, das kann man so nicht sagen – es ist klar, dass diese Vergleiche passieren, schließlich sind die Hellacopters ein großer Part meines Lebens“, gibt Nicke Entwarnung.

ISEDer Opener des Albums ist gut gewählt – nachdem mein Kumpel Danny das Album das erste Mal gehört hatte, sagte er zu mir, dass er bei A Holiday From My Vacation die neue Paul Stanley Solo Scheibe drin hätte. Das kann man durchaus so stehen lassen; denn auf dem Album gibt es keinen zweiten Song, der mit solch einem Kiss-Riff ausgestattet ist wie dieser. Das ändert natürlich nichts daran, dass dieser Song tierisch abgeht. Der Titel des Songs ist auch in den Lyrics Programm: Anscheinend fährt Herr Andersson nicht gerne in den Urlaub. Da tut sich in mir die Frage auf, was er denn den ganzen lieben langen Tag auf Tournee macht? „Touren können manchmal ganz schön schleifend sein – die meiste Zeit heißt es ‘Beeilt euch und wartet!’.  Ich bin bereits ein paar mal um die Welt gereist, doch habe eigentlich noch nichts gesehen – vielleicht wäre ein bisschen Sightseeing demnächst wirklich nicht schlecht!“. Lord Knows I Know That It Ain’t Right heißt der zweite Song des Albums und ist ein klassischer Nicke Andersson Song: Flott, viele Leads und Ohrwurmpotential ohne Ende.

Der Meister: Nicke AnderssonDoch schon der nächste Song namens Resign klingt relativ unerwartet: Ruhiger, ein wenig Offbeat – die Leads klingen weniger nach Ace Frehley (Kiss) und dafür mehr nach George Harrison (ich sage euch jetzt nicht, wer das ist!). Nach dem ersten Hördurchgang dachte ich mir soetwas wie „Aha – mal warten was noch kommt.“ Nachdem zweiten Mal hören dachte ich mir „Was für ein geiler Song!“. Für mich ist dieses böse anmutende Riff im Refrain einfach ein absolutes Highlight! Throwing Stones heißt Track 4 und dieser Song lässt tempomäßig auch wieder gut die Steine fliegen. „I got a brain that I never use“ heißt es in der ersten Textzeile und das kann man gut auf diesen Song übertragen: Gehirn aus, Luftgitarre raus. Mit I’ll Let You Down folgt das absolute Meisterstück der Platte, denn dieser Song ist ein Beatles-Tribut pur. „Ja, in dem Song gibt es tatsächlich einige Ähnlichkeiten zu den Beatles“, gesteht Nicke sich ein. „Es ist schon sehr offensichtlich, vor allem in der Mitte und am Ende des Songs“. Und es ist in der Tat offensichtlich: Geübte Ohren werden am Ende des Songs, der übrigens im Duett mit dem schweden Delf De Borst eingesungen ist, den Schluss-Akkord von A Hard Days Night erkennen.

The Imperial PlanMit I Got All Day Long schickt sich ein weiterer gute Laune Song an – dreht den Poti auf und genießt diese coole Unbeschwertheit, wie sie nur ein Nicke Andersson hinbekommt. Dazu bekommt ihr in diesem Song ein Solo, wie wir es das letzte Mal von Ace Frehley bei dem Song She (Dressed To Kill, 1975) gehört haben. Ob Nicke diese ständigen Vergleiche mit Kiss wohl langsam gegen den Strich gehen? „Nein, das tun sie nicht“, beruhigt er mich ein weiteres Mal. „Ich bin mit ihnen aufgewachsen und es ist somit klar, dass sie sich in meinem Sound wiederfinden. Aber ich mag natürlich auch noch ein paar andere Bands!“ Der nächste Song klingt sehr nach späten Hellacopters und ist scheinbar auch der persönlichste Song des Albums. Deswegen wollte ich Nicke einmal genau auf den Zahn fühlen, worum es in Lee Anne genau geht. „Ich möchte dein Hörerlebnis nicht in Stücke reißen, indem ich dir die Lyrics genau vorkaue – aber lass uns sagen, dass es um die Komplikationen geht, die entstehen, wenn man einen Keks isst, ihn aber gleichzeitig für später aufheben will.“ Déjà vu heißt Track #8, allerdings ruft dieser Song kein Déjà vu in mir hervor. Der Song klingt ziemlich modern und erinnert mich an Bands wie The Strokes. Natürlich rockt auch Déjà vu und das Duett mit Neil Leyton verleiht diesem Song erst seinen ganzen Charme.

ISE gibts auch Live!Als ich das Lied Together In The Darkness das erste Mal hörte, dachte ich mir sofort, dass dieser Song auch auf Alice Coopers Love It To Death-Album hätte stehen können. „Together In The Darkness ist ein Song, den ich so vorher noch nicht gemacht habe“, gibt Nicke zum Besten. „Er unterscheidet sich stark von allem, was ich bisher mit den Hellacopters gemacht hatte.“ Die letzten drei Tracks des Albums – Alive, Diseased Pieces Of My Heart und Redemption’s Gone – stehen den anderen Songs in nichts nach und können weitere positive Akzente setzen: Alive ist ein weiterer schneller Song mit einigen tollen Leads, Diseased Pieces Of My Heart ist eine nachdenkliche Nummer mit einem tollen Refrain. Redemption’s Gone ist ein guter Abschluss für das Album. Hier regiert wieder die gute Laune und das Gaspedal – die perfekte Nummer, um sich die Knochen zu verknacksen.

ISE gibts auch Live!Da bleibt natürlich noch die Frage, wann wir diese Perlen live in Deutschland zu sehen bekommen. „Oh, momentan sieht es so aus, als könnten wir im November durch Deutschland touren“, sagt Nicke, eher uns über seine Pläne genauer informiert. „Da es unfair gegenüber den anderen ehemaligen Hellacopters-Mitglieden wäre, wenn ich unsere gemeinsamen Songs spielen würde, wird dies nicht passieren. Wir werden hauptsächlich die Songs des Albums spielen und ein paar Cover dazu – Songs von den Runaways, den Easybeats und den Raspberries. Vielleicht auch noch ein paar andere. Auf jedenfall kann ich es kaum erwarten!“ Meine Wünsche wie z. B. Billion Dollar Babies (Alice Cooper) und C’mon And Love Me (Kiss) werden von Nicke allerdings sofort abgeschmettert. „Wir sind ja keine reine Coverband oder eine Jukebox – wir nehmen keine Songwünsche an“, doch schon schiebt er ein ironisches „Aber sag niemals nie!“ hinterher. Natürlich erwartet auch Nicke unsere Standard-Frage, mit der wir so ziemlich jeden Musiker nerven: Was passierte Komisches während der Aufnahmen zu Imperial State Electric? „Sorry, aber da muss ich euch enttäuschen! Es ist absolut NICHTS Aufregendes während der Aufnahmen passiert. Das kommt davon, wenn man alles alleine macht!“, lacht der Schwede.

ISEIch mache keinen Hehl daraus, dass das Album des Jahres für mich Tom Pettys Mojo ist (Review folgt, sobald ich die richtigen Worte gefunden habe), doch Imperial State Electric sichern sich Platz 2. „Damit kann ich leben! Zweitbester neben Tom Petty zu sein ist absolut großartig. Ich mag zurzeit noch The Hex Dispensers, ’77 from Spain und die Stereo Satanics aus Deutschland. Das letzte Levon Helm Album ist ebenfalls sehr gut!”, gibt Nicke uns noch ein paar Empfehlungen mit auf den Weg. Wie ihr euch schon denken könnt, bekommt das Album von mir die volle Punkt(Girl)Zahl und das Prädikat „Rock&Roll“ – doch die abschließenden Worte überlassen wir natürlich Nicke und geben ihm noch eine letzte Nuss zu knacken: Gene, Paul, Peter oder Ace? „Vielen Dank für das Interview und das Lob! Wir sehen uns im Winter auf Tour! Ringo, John, Paul und George!“.

Facts

  • Release: 28. Mai 2010
  • Label: Sound Pollution (Rough Trade)
  • Format: CD
  • Songs: 12
  • Spielzeit: 39:14 Minuten

Links

Tracklist

  • 01. A Holiday From My Vacation
  • 02. Lord Knows I Know That It Ain’t Right
  • 03. Resign
  • 04. Throwing Stones
  • 05. I’ll Let You Down
  • 06. I Got All Day Long
  • 07. Lee Anne
  • 08. Déjà Vu
  • 09 Together In The Darkness
  • 10. Alive
  • 11. Diseased Pieces Of My Heart
  • 12. Redemptions Gone

Rock'n'Roll

Artikel: Eric Borderline

Bilder: MySpace

One thought on “Double Feature # 1-Imperial State Electric”

  1. BB King Size says:

    Das Double Featue gefällt mir. Hoffentlich gibt’s davon in Zukunft noch mehr. Jedenfalls werd ich mir wohl erstmal demnächst das Album anhören müssen um zu sehen ob es hält, was du versprichst und ob es gegen den uns auferzwungenen Hellacopters-Entzug hilft. ;-)

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