Das Bandshirt-Where did all the love go?

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Frueher war ich ganz gut darin, groß angelegten Einkaufsbummeleien mit der Freundin aus dem Weg zu gehen. Heute nicht mehr. Ich habe nachgelassen. Doch haette ich schon frueher gewusst, dass man auch abseits der Plattenlaeden richtige Rock ‘N’ Roll-Einkaufstouren machen kann, waere meine Abneigung gegenueber den ganzen Boutiquen vermutlich nicht so groß gewesen.

Denn was die Einheitsboutiquen in unseren Innenstädten zu bieten haben, das kann wahrhaftig als ein El Dorado für jeden Rocker gewertet werden. Alter Verwalter. Begleitet mich auf so etwas wie einer literarischen Reise durch eine beliebige Fußgängerzone. Fangen wir ohne großes Bla Bla bei H&M an: Direkt am Eingang hängen sie. Girlie-Shirts von Aerosmith, den Stones, Iggy Pop; sogar Bruce Springsteens knackiger, in Jeans verpackter Born in the USA-Arsch ist dabei. „Prinzessin, du musst dir unbedingt dieses Aerosmith-Shirt kaufen“, sage ich zu meiner Freundin. Das Teil ist grandios. Eine Mischung aus Shirt und weißem Mini-Kleidchen, verziert mit einem schwarzweißen Bandfoto von irgendwann aus der Zeit zwischen Aerosmith (1973) und Toys in the Attic (1975).

„Lieber nicht.“

„Ich gebe dir die Hälfte dazu.“

„Ach nö.“

„Ich kaufe es dir.“

„Die Qualität ist scheiße.“

„Scheiß auf die Qualität.“

„Ich höre die doch gar nicht.“

Tatsache. Sie hört kein Aerosmith. Und welches Mädchen zwischen 15 und 25 hört überhaupt noch Aerosmith? Warum verkauft H&M Aerosmith-Shirts und dann auch noch so coole?

Egal, dann kaufe ich dir das Stones-Shirt.“

„Nein.“

„Iggy Pop?“

„Nö.“

„The Boss?“

„Nö“, usw.

In der Herrenabteilung fiel ich vollends vom Glauben ab. Dort hingen an einem Ständer:

–                    Stones-Shirts von der Steel Wheels-Tour,

–                    Doors-Shirts aus der Zeit von The Doors (1967)

–                    Hendrix-Shirts mit einem schönen Portrait des Gitarrengottes.

–                    und sogar Guns N’ Roses-Shirts mit dem Appetite-Logo.

Jetzt verkaufen die bei H&M sogar Guns N’ Roses-Shirts, dachte ich mir. Kein Schwein hat sich Chinese Democracy gekauft und nun sollen die Leute bei H&M GN’R-Shirts kaufen? „Kauf dir doch ein Guns N’ Roses-Shirt“, sagt die Prinzessin. Für einen Moment spiele ich wirklich mit dem Gedanken und schaue mir das Shirt genauer an: 15 Euro; ein Copyright-Siegel von Black Frog; kein Rückenaufdruck; die Qualität eher bescheiden. „Da bekomme ich sogar im Media Markt bessere Shirts.“ In der Kinderabteilung dann der Supergau: Strampelanzüge von den Stones und AC/DC, Kindershirts von den Beatles UND: Ein Shirt von KISS inklusive Runen-Logo. Nirgends in Deutschland gibt es Merchandise von KISS so, wie es sein sollte. Um ein KISS-Shirt so zu ergattern, wie die Band sie will, muss man den Umweg über das Ausland wählen. Jetzt nicht mehr. Nun reicht der Gang in die Kinderabteilung des örtlichen H&Ms.

NEW YORKER versteht es sogar noch einen draufzusetzen: AC/DC und Stones Shirts mit Pailletten verziert. Na ja, wenigstens waren dort die Pistols-Shirts nicht mit Glitzersteinchen verschönert. Schon eigenartig. NEW YORKER, deren aktueller HIT TIPP DER WOCHE Usher ist, die Supporter von solch großartigen Veranstaltungen wie THE DOME sind, verkaufen jetzt Sex Pistols-Shirts. Wenn Sid das damals geahnt hätte… Die anderen namen- und geschmacklosen Boutiquen orientieren sich anscheinend an den oben genannten Läden und bieten ebenfalls eine ordentliche Auswahl an Pailletten-Bandshirts in den kunterbuntesten Trendfarben.

Zum Abschluss unseres Einkaufsbummels habe ich mir dann noch ein Stones-Shirt bei KIK gekauft. 5 Euro und eine spitzenmäßige Qualität. Trotz der hervorragenden Qualität trage ich das Shirt nicht gerne, denn die gute alte Zunge wird heute von Leuten getragen, mit denen ich nur ungern in einen Topf geworfen werde. Leute, die in der Disko dem DJ eine Bierflasche an den Kopf werfen, sollte er es wagen, Satisfaction oder Jumpin’ Jack Flash zu spielen. Stattdessen tanzen diese Modeschwuchteln mit ihren brandneuen Pailletten-Zungen-Shirts doch lieber zu Usher und dem Rest der THE DOME-Fraktion. Doch kann man diesen verwirrten Seelen einen Vorwurf machen, wenn sich die größten Bands aller Zeiten dazu entscheiden, ihre Logos dort anzubieten, wo sie nichts verloren haben?

Das Zungen-Logo der Stones war seit je her mehr als nur ein Bandlogo: Es war die Verbildlichung eines Lebensstiles. Und eigentlich gehört dieses Logo unter Artenschutz, ebenso wie die Portraits und Logos der vielen anderen oben aufgeführten Bands. Es sind aber die Bands selbst, bzw. deren Rechteverwalter, die auf dem Modemarkt eine neue Einnahmequelle gefunden haben. Und auch wenn NEW YORKER alles andere als Rock ‘n’ Roll ist, so erreichen die Bands in diesen Läden eine Kundschaft, die niemals im Leben auf die Idee käme, sich ein Album oder einen Konzertbesuch ebendieser Bands zu leisten. Niemals. Schlichtes Wirtschaftsdenken verleitet die Bands dazu, ihren Scheiß modisch zu verpacken und an Gehirnamputierte zu verkaufen.

Und ist das etwa Rock ‘n’ Roll? Vielleicht ist es das sogar. Denn es steckt schon eine gehörige Portion Ironie dahinter, wenn diese Intelligenzallergiker neben einem in der Straßenbahn sitzen, über ihren Handylautsprecher das Abteil mit Bushido nerven, wenn diese Trottel Shirts von Bands tragen, deren Geschichte und Lebensstil die Negation dessen ist, was sie selbst zu bieten haben. Die reichen und hübschen Menschen in Übersee, namentlich diejenigen, die allwöchentlich die Titelseiten der Lifestyle- und Promimagazine schmücken, die haben schon vor längerer Zeit erkannt, dass es nicht bloß reicht, bei H&M ein T-Shirt der Steel Wheels-World Tour zu kaufen. Diese Leute kaufen unter anderem bei einem gewissen Patrick Guetta ein, der mit zirka 15.000 T-Shirts die wohl größte Sammlung an Vintage-Shirts weltweit besitzt. Einige seiner Shirts sind so selten, dass Beträge von 1.000 Dollars und mehr dafür bezahlt werden. Aber mit solch einem Shirt braucht sich Lindsay Lohan auch keine Sorgen zu machen, dass neben ihr in der S-Bahn jemand dasselbe Oberteil trägt.

Dieser Patrick Guetta hat ein Buch herausgebracht, in dem er die schönsten Teile seiner Sammlung präsentiert. Viele davon dürften heute Unikate sein. Was beim Durchblättern dieses Buches sofort ins Auge sticht, ist der einmalige und heute leider verlorengegangene Stil alter Zeiten. Vintage und Retro hin oder her, aber der Charme der 70er und 80er Jahre, die lausige und dennoch nostalgische Qualität dieser Modeepoche kann heute nicht mehr kopiert werden. Bands wie Guns N’ Roses orientieren sich heute eher an Ed Hardy oder pimpen ihre alten Logos mit modernsten Photoshop-Techniken auf. Von der Bösartigkeit der „Get In The Ring Motherfucker“- Tourshirts mit ihren blutigen Messern und den fiesen Totenköpfen fehlt jede Spur. Vielleicht passt sich die Qualität der Shirts der Qualität der Band an? Wer weiß das schon. Wer aber dennoch rattenscharfe und halbwegs seltene Tourshirts haben will, um den kümmern sich unsere Nachbarn aus Holland. Haltet bei Konzertbesuchen die Augen offen nach Holländern, die irgendwo auf dem Weg zur Halle, bzw. zum Stadion herumlungern und ihre Billigshirts verkaufen. Die Qualität ist entspricht zwar der eines „Zewa Wisch&Weg“, doch häufig sehen ebendiese Shirts besser aus als die überteuerten offiziellen Shirts in den Hallen.

Oder kauft euch eure Shirts, so wie ich es gemacht habe, für 5 Euro bei KIK.

Artikel by Tidl

6 thoughts on “Das Bandshirt-Where did all the love go?”

  1. Pheonix says:

    Ja das viel mir in letzter Zeit auch schon auf.
    Sprichst auch mir aus der Seele!

  2. BB King Size says:

    Guter Artikel! Passend dazu müsste morgen das Buch “The Art of the Band T-Shirt” bei mir ankommen. Bin nach dem Artikel jetzt noch mehr drauf gespannt. Ich glaube ich schau demnächst mal bei KIK vorbei, nur um zu sehen ob ich da tatsächlich Bandshirts finde, auch wenn es sicher keine in meiner Größe geben wird :D

  3. Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg says:

    Ein wirklich schöner Artikel. Ich kann mich noch daran erinnern wie ich auf der Bühe eines Bierzeltes stand, die Scheinfwerfer auf mich gerichtet und mir dieser nette Herr sein AC/DC-Shirt gab. Ja, in Bandshirts fühlt man sich wohl und ist auch gleich viel cooler.

  4. Kerridge says:

    Aus der Seele!

  5. Ich find den Artikel ebenfalls sehr gelungen.

    Mich nervt es total, das es die ganzen Shirts in diesen Läden zu kaufen gibt. Ich meine, sollte so ein T-Shirt nicht seine Invidualität und Rebellion ausdrücken? Ich geb dir vollkommen recht Tidl.
    Aber ich bin mir auf der anderen Seite auch sicher, dass dies nur ein Trend ist, welcher schneller wieder vergeht als er gekommen ist – und bald sehen wir keine Idioten mehr mit Gel-Frisur, Hose in den Socken und Kiss T-Shirt ;)

  6. Beasty Baby says:

    Haha, mal wieder ein Knaller-Beitrag!xD
    Also prinzipiell muss ich dir zustimmen: Ich will auch nicht das irgendwelche Flitzpiepen mit Shirts von Bands rumrennen, die ich geil finde. Vor allem darum nicht, weil ich nicht mit diesen Tussies in eine Schublade gesteckt werden will.
    Trotzdem muss ich zugeben einige der besagten Shirts in besagten Läden gekauft zu haben. Aus einem einfachen Grund: auf Konzerten gibt es fast ausnahmslos Shirts ab (wenn man Glück hat) Größe M. Is mir IMMER zu groß. Bei H&M in der Kinderabteilung hängen Shirts in Größe 158 und die passen bestens.Und der Preis is auch unschlagbar. Von daher kann ich guten gewissens meine Tussi-Laden-Band-Shirts tragen und freu mich trotzdem drüber.;)

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