Never To Old To Rock-Aber die Knochen machen es nicht mehr mit…

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…  oder besser gesagt: Wie verdienen wir noch einmal richtig viel Kohle für unseren Lebensabend? Oder noch besser gesagt: „Jungs, ich habe da eine Spitzenidee, wie wir euch noch einmal richtig groß machen und meine Konten, eehhh natürlich eure Konten, richtig prall fuellen!“. So ist es geschehen bei  der groeßten deutschen Hard Rock-Institution; den Scorpions. Denn deren Manager, der fuchsige Geschaeftsmann  Peter Amend, kam kurz nach den abgeschlossenen Aufnahmen des aktuellen Albums, Sting In The Tail, auf die großartige Idee, dass die Band sich doch nach einer letzten großen Tournee aufloesen sollte. Wieso, weshalb, warum und welchen Nutzen eine Band  von so einer Schnapsidee haben koennte, darum geht es in meiner neusten Kolumne.

Ich bin derzeit drauf und dran, ein Ticket für eben diese besagte Abschiedstournee der Scorpions zu ergattern, da ich neulich zu meiner großen Überraschung feststellen musste,  dass die Band es tatsächlich geschafft hatte, die Köln-Arnea (ja, ich weiß, sie heißt nun Lanxess-Arena) auszuverkaufen. Das hat mich echt verwundert. Ich meine, das sind die Scorpions. Die Band hat ihr letztes weltweit beachtetes Album Crazy World 1990 veröffentlicht und nervt seitdem jeden Menschen auf diesem Planeten mit Wind Of Change und einer Dauerpräsenz in Talkshows der Marke „Wer hat in den achtziger Jahren mal in einer Großraum-Disco einen fliegen lassen?“. In diesen Sendungen behaupten Klaus Meine und Rudolf „The Red Nose“ (und das nicht, weil er dem Weihnachtsmann hilft, Geschenke auszuliefern haha) Schenker übrigens steif und fest, dass sie die Wende (für alle die nicht wissen, was das ist, gibt es hier den entsprechenden Wikipedia-Eintrag) herbei geführt haben. Und wenn Crazy World schon gequirlte Kacke mit einem Haufen Mist war, so waren die Nachfolger Alben Face The Heat (der Titel lässt es zwar vermuten, doch dieses Album war kein Coming Out!), Pure Instinct, Eye 2 Eye und Moment Of Glory (okay, wenn man sich die Albentitel so anguckt, könnte man echt meinen, Meine und Schenker sind ein Pärchen) auch höchstens Klo-Musik.

Okay, Moment Of Glory war aufgrund der Freundschaft der Gruppe zum damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder noch recht erfolgreich, schließlich wurde der Titeltrack zur offiziellen Hymne der Weltausstellung (Expo) in Hannover erklärt. Für das nachfolgende Dilemma Acoustica interessierte sich allerdings außer den Hardcore-Fans schon wieder keine Sau. Erst 2004 besannen sich die Hannoveraner auf ihre alten Qualitäten und legten mit Unbreakable ein ganz ordentliches Hard Rock-Album vor. Das Nachfolge Album Humanity Hour 1 wusste gar vollends zu überzeugen. Doch der große Erfolg blieb aus, große Hallen und Stadien auszuverkaufen war für die einstige platinverwöhnte Band eine schwierige Aufgabe geworden. Ihr aktuelles Album, das dieses Jahr (2010) erschienen ist, gehört mit zu meinen Alben des Jahres; es ist ein wirklich starkes, sich auf alte Tugenden der Band besinnendes Hard Rock Alben, das mit dem Song The Good Die Young sogar einen wahren Klassiker mit an Bord hat.

Doch eigentlich passt dieses Album nicht in das Jahr 2010, denn genauso wie 2004 bei Unbreakable interessieren sich auch heute nur noch die alten Hardcore-Fans und ihre selbst herangezüchtete Generation für diese Art der Musik. Im Radio wird diese Musik nicht gespielt, richtiges Musikfernsehen gibt es eh nicht mehr und wenn ein großes Musikmagazin sagt „Spitzenalbum!“ regt das höchstens 1% der Leserschaft zum Kauf an. Der Rest begnügt sich damit, ein weiteres Mal Lovedrive zu hören. Um es kurz zu machen: Das Album wäre unter den Fans kurz aufgeflammt und dem Rest der Welt wäre es scheißegal gewesen. Doch der Manager der Band, Peter Amend, hatte eine pfiffige Idee, die die Alben-Verkäufe nach oben trieb und die dazu gehörige Tour fast vollständig ausverkaufte. „Jungs“, hat er gesagt, „Jungs, was haltet ihr davon, wenn das euer letztes Album und eure Abschiedstournee wird? Dadurch gehen wir nochmal richtig ab, verkaufen jede Menge CDs und Tickets und danach setzen wir uns zur Ruhe“.

Dass diese Idee nicht neu ist, ist jedem klar. Aber das sie funktioniert wie kaum eine andere, das ist auch jedem klar. Es gibt viele Künstler, wie zum Beispiel Ozzy und Kiss, die sich ebenfalls auf eine Abschiedstour begeben haben und dadurch ihr Image noch einmal mächtig aufpoliert haben. Dadurch wurden ihre CD-Verkäufe angekurbelt, Arenen gefüllt und alte Fans mobilisiert. Dass diese Idee, die wahrscheinlich so alt ist wie das Musikbusiness selbst, bei den Scorpions absolut gut funktioniert hat zeigen folgende Tatsachen: Vom Deutschland Leg  der Get Your Sting And Blackout Tour sind nahezu alle Shows ausverkauft, wenn man Tickets kriegt, dann nur noch irgendwelche beschissenen Sitzplätze, die kurz vor der Show auch noch verkauft werden. Wie ihr gerade gelesen habt, heißt die Tour Offiziell Get Your Sting And Blackout Tour 2010 – die Promoter verkaufen sie allerdings als die Farewell-Tour 2010, damit auch dem letzten Deppen klar gemacht wird, das dies die allerallerletzte Tour der Scorpions ist.

Das offizielle Abschiedswerk der Band, Sting In The Tail, das ursprünglich einfach als das nächste Studioalbum geplant war, verkauft sich relativ ordentlich (es erreichte immerhin Platz 2 der Albumcharts in Deutschland!) und wird sogar auf RTL kräftig umworben. Natürlich gibt es auch pünktlich zu den Deutschlandterminen eine Super-Sonder-Edition (na, woher kennt ihr das nur?) und einen ebenso dazu passenden TV-Werbespot. Man könnte also sagen, der Plan ist voll aufgegangen und die Sterne stehen gut für die Scorps. Nur: Was ist am Ende der Tour? Ein altes Sprichwort sagt zwar, dass man aufhören soll, wenn es am schönsten ist, doch ich sehe absolut keinen Sinn dahinter, dass sich eine Band auf einem kreativen Höhenflug auflösen sollte. Die Scorpions haben ihr bestes Album seit Savage Amusement veröffentlicht und treten Live so in den Arsch wie eh und je.

Dazu haben sie ein absolut geiles Line-Up und mit James Kottak einen Wahnsinns-Drummer an Bord – so einen findet man nur einmal alle 10 Jahre. Doch nun kommt das Aus. Schluss. Aus. Vorbei. Stecker gezogen. Einfach so. Ich kapier das einfach nicht, ihr etwa? Klar, Schenker und Meine sind beide bereits 62 Jahre alt, doch sie sind noch absolut gut in Schuss – das beweisen sie ja Abend für Abend live auf der Bühne. Mathias Jabs ist ein paar Jährchen jünger und spielt sich nach wie vor den Arsch ab, über das Alter von James Kottak und Paweł Mąciwoda braucht man sich keine Gedanken machen. Wieso macht diese Band also nicht einfach weiter wie immer zuvor? Wieso behalten sie nicht ihren alten Rhythmus, Album-Tour-Album- Tour, bei sondern lösen sich auf? Wenn die Band sich hätte auflösen sollen, dann nach dem Moment Of Glory-Schwachsinn im Jahre 2000. Aber nicht jetzt. Ich hoffe echt, dass sie es sich noch einmal überlegen und doch weiter machen: Ich weiß, dann werden sich viele Fans verarscht vorkommen, doch ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Band, die so gut funktioniert, dieses „Abschiedstournee“-Ding zu etwas anderem benutzt, außer sich wieder ins Gespräch zu bringen und viel Geld zu verdienen.

Kiss haben es 2001 mit ihrer Farewell-Tour vorgemacht: Sie schockten ihre Fans, indem sie groß verkündeten, dass es nach dieser Tour endgültig aus sei und man die Band zu Grabe trage. Die Band befand sich sicher in einer Krise, schließlich fiel das wiedervereinigte Original Line-Up wieder auseinander und das Interesse der Öffentlichkeit fiel stark ab. Mit dieser Tour brachte man sich zurück ins Gespräch, formte mit Eric Singer und Tommy Thayer ein neues, funktionierendes Line-Up und heute ist man so fett im Geschäft wie zuletzt in den Siebzigern: Die Band veröffentlichte ein neues Album tourte mehr als jemals zuvor und 2011 gibt es schon wieder ein neues Album. Auch im Falle von Kiss kann man sagen, dass das „Abschiedstournee“-Konzept voll aufgegangen ist.

Bei Ozzys No More Tours-Tour Anfang der Neunziger war es ähnlich: Es sollte seine letzte Tour werden, seitdem sind vier erfolgreiche Studio Alben erscheinen, Ozzy war oft auf Tour, es gab eine unsägliche aber überaus erfolgreiche Fernsehserie, die uns allen als The Osbournes bekannt ist und nebenbei startete Ozzy eine Black Sabbath-Reunion. Nicht zu vergessen ist das Wander-Festival, das man Mitte der Neunziger aufzog, das Ozzfest. Der Rubel rollt also im Hause Osbourne. Natürlich gibt es auf der anderen Seite auch Bands, die sich wirklich auflösen, wie zum Beispiel die Hellacopters: Abschiedsalbum, Abschiedstournee, tschüss. Konsequent. Auch dort war die Auflösung musikalisch gesehen Mumpitz: Mastermind Nicke Andersson setzt die musikalische Richtung der Band mit seinem neuen Projekt Imperial State Electric fort.

Wenn ich jemals die Chance habe, Klaus Meine oder Rudolf Schenker persönlich zu treffen, werde ich mich erst für Alben wie Lovedrive, Taken By Force und Love At First Sting bedanken, ehe ich sie fragen werde, wieso die Auflösung sein muss. Was hat euch dazu bewegt, lieber nochmal den großen Reibach zu machen und Good Bye zu sagen, als weiter regelmäßg Alben zu veröffentlichen und die Hardcore Fans wie mich in kleinen Clubs mit schweißtreibenden Live-Performances glücklich zu machen? Der letzte Satz meiner Kolumne, die mehr ein persönliches Statement oder eine Anschuldigung ist als ein lustiger Rock ‘n’ Roll-Artikel, richtet sich nicht nur an die Scorpions, sondern an alle Bands, die früher oder später mit der Abschieds-Tour-Masche um die Ecke kommen:

Bedeuten euch Fans, Musik und Spaß wirklich weniger als Geld, Ruhm und Verkaufszahlen?

PS: Ich freu mich trotzdem drauf, mir ein letztes Mal (?) Big City Nights und Loving You Sunday Morning um die Ohren hauen zu lassen; denn über die musikalische Qualität kann man beim besten Willen nicht streiten!

Artikel by Eric Borderline

 

6 thoughts on “Never To Old To Rock-Aber die Knochen machen es nicht mehr mit…”

  1. Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg says:

    Hallo Eric,

    ich möchte dich darauf aufmerksam machen, dass du in deinem schönen Text die größte Abschiedstournee des Jahres vergessen hast zu nennen:
    DIE FLIPPERS!

  2. Beasty Baby says:

    Hahaha! Jau, Reunion auf Wacken. Das unterschreibe ich sofort! GENAU SO wirds nämlich sein. ^^

  3. Ja, das kann natürlich sein. The Scoprions One And Only Reunion Show. Fuck that shit!

  4. Danny D. says:

    Spätestens in 2 Jahren heißt es dann Reunion auf Wacken (A Night to Remember) blablabla. Hundert Prozentig. Für den gig kriegense dann nochmal doppelt soviel gage als wenn sie einfach so auftreten würden!

  5. Jau, das denke ich mir auch. Gerade bei einer Band in der größen Ordnung der Scorpions ist das doch absoluter Quark, ich glaube nicht, das die sich um ein paar tausend Euro irgendwelche Gedanken machen müssen.

    Interessant wird sein, ob sie sich wirklich auflösen, oder aufgrund des großes Fan zuspruchs doch noch weiter machen hahaha….

  6. Danny D. says:

    Um deine Frage zu beantworten : Ja. Traurig aber wahr, aber ich denke das es in diesem Fall eindeutig so ist. It’s all about $$$

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