Tidls Top Five Alben 2010

header_tidltop52010

Dieses Jahrzehnt beginnt für mich bei Weitem nicht so interessant, wie das letzte Jahr aufgehoert hat. 2009 haette ich mir einen abgekrampft, um auch nur eine Top 20-Liste zu schreiben. In diesem Jahr fiel es mir verdammt schwer, auch nur fuenf Platten zu finden, die es wirklich verdient haben, in meine Bestenliste zu kommen. Doch diese fuenf Alben haben es sich verdient.

Schafften es nicht in Tidls Top 5: Die Big 4Meine Top Ten-Liste könnte als ein großer Arschtritt für unsere Lederkutten tragende Leserschaft verstanden werden. Vielleicht ist sie das auch. In meiner Jahresliste tauchen solch große Namen wie Iron Maiden, Slash, Ozzy Osbourne oder Airbourne nicht auf. Keiner dieser alteingesessenen Künstler konnte mich in diesem Jahr überzeugen. Vielleicht gerade, weil diese Herren zu alteingesessen sind. Nachhaltigkeit ist ein Wort, das durchaus auch für Musik gelten darf! Dennoch stehen zwei weise Herren ganz oben! Zwei Alben, von denen ich rein gar nichts erwartet habe.

Let’s go!

Platz 5: Arcade Fire – The Suburbs

Arcade Fire - The SuburbsVorweg: Das dritte Album von Arcade Fire kann nicht mit Funeral (2004) und Neon Bible (2007) mithalten und es schafft es trotzdem in meine Bestenliste! Seit Neon Bible stand die Musik eher im Hintergrund. Stattdessen wurden US-Präsidentschaftskandidaten unterstützt, was ich immer sehr zweifelhaft finde. Nun ja, die Ernüchterung kommt dann wohl ziemlich schnell und dann hat man auch wieder Zeit ins Studio zu gehen. Auch wenn auf The Suburbs einige weniger hochklassige Songs zu finden sind, ist das Album als Ganzes meisterhaft. Die Band verzog sich in irgendwelche texanischen Vororte, um dort in die Tristesse des US-amerikanischen Spießbürgertums einzutauchen. Die Erlebnisse finden sich auf der Platte wieder. Es geht in erster Linie um die Langeweile und die wenige Abwechslung und Aussicht, die der dortigen (und der hiesigen) Jugend geboten wird.

Some cities make you lose your head
Endless suburbs stretched out thin and dead
And what was that line you said
Wishing you were anywhere but here
You watch the life you’re living disappear
And now I see
We’re still kids in buses longing to be free

In Sachen Arrangements und Kunstfertigkeit gibt es wohl keine Band der letzten zehn Jahre, die Arcade Fire etwas vormachen könnte. The Suburbs ist nicht der vorläufige Höhepunkt in ihrer Karriere, es ist aber auch kein Rückschritt. Es ist ein Album, das – wie alle bisherigen Platten von Arcade Fire – definitiv auch noch in zwanzig Jahren auf meinem Plattenteller rotiert.

www.arcadefire.com

Platz 4: Ariel Pink’s Haunted Grafitti – Before Today

Ariel Pink’s Haunted Grafitti – Before TodayDer erste Hördurchgang dieser Platte hat mich völlig überfordert. Wenn dieses Album ein Schema oder ein Konzept vorzuweisen hat, dann, dass es auf Schemata und Konzepte vollkommen scheißt. Es ist ein mitunter nicht ernstgemeinter Trip durch die Popmusik. Ariel Pink hat es acht Jahre lang geschafft, jedem halbwegs vernünftigen Aufnahmestudio aus dem Weg zu gehen. 2010 war es dann soweit: Mit bereits veröffentlichten und auch brandneuen Songs ist er ins Studio gegangen, um seine ganz eigene Arschtreter-Version von Pop aufzunehmen. Was MGMT mit ihrem Zweitwerk Congratulations nur bedingt geschafft haben, nämlich mit Unbekümmertheit ein tanzbares und dennoch avantgardistisch angehauchtes Werk zu präsentieren, das hat der aus Los Angeles stammende Pink anscheinend mit Links geschafft. Before Today bietet freakig-funkigen Disko-Pop im 70er-Gewand, genauso wie 80er Post-Punk-Nummern im Stil von Joy Division. Es ist ein Album, das alles andere als homogen ist. Diese Platte will nicht ernst genommen werden. Diese Platte will beim Hörer ein Kopfschütteln verursachen und verlangt zugleich schwingende Tanzbeine. Großes Kino.

www.myspace.com/arielpink

Platz 3: Warpaint – The Fool

Warpaint - The FoolFür meinen Geschmack hatten wir 2010 ein ganz schwaches Indie-Jahr. Und dass ausgerechnet eine reine Frauenband dafür sorgt, dass es doch noch ein wirkliches Highlight gibt, hätte ich nicht zu träumen gewagt. The Fool heißt das Debütalbum von Warpaint, einer aus L.A. stammenden All-Girls-Band, die beim legendären Label Rough Trade unter Vertrag genommen wurde. Wie kann man diese Band einstufen? Psychedelisch? Hypnotisierend? Episch? Der Veröffentlichungstermin (22. Oktober) scheint jedenfalls genau richtig gewählt worden zu sein. Das hier ist Herbstmusik, bei der man sich in seine Bude einschließt, sich aufs Bett haut, die Anlage aufdreht und dem grauen Himmel dort draußen den Stinkefinger zeigt. Musik zum Verlieren und Träumen. So eine Platte hätte ich gebrauchen können, als ich noch regelmäßig Marihuana geraucht habe. Als Referenzmusik fallen mir nur PJ Harveys Meisterwerk White Chalk (2007) und das 2009 erschienene self-titled Album von The XX ein. Und vielleicht ist dieses Album so gefühlvoll, so absolut besonders, weil es ausschließlich aus der Feder von Frauen stammt. Ganz bestimmt sogar.

www.myspace.com/worldwartour

Platz 2: Neil Young – Le Noise

Neil Young - Le NoiseDen wievielten Frühling erlebt Neil Young mit dieser großartigen Platte, diesem Zwei-Mann-Projekt? Im Studio befanden sich nur Young und sein Produzent Daniel Lanois (U2, Bob Dylan). Youngs Gitarrenspiel ist vielseitig wie eh und je. Es gibt ruhigere Nummern, wie der Anti-Kriegs-Song Love And War, der vom Sound stark an meinen ewigen Lieblingssong Old Man (Harvest, 1972) erinnert und es gibt Soundgranaten wie Angry World, in denen Lanois die Gitarren so sehr durch den Fleischwolf zieht, dass der Sound wie das gute alte Hey Hey, My My (Into The Black) klingt. Die Strukturen der Songs sind alles andere als einprägsam, die Gitarren so sehr verzerrt, dass mir sofort die Ähnlichkeiten zu dem Dead Man – Soundtrack (1996) aufgefallen sind. Die ganze Inszenierung des Albums weist Analogien zum Dead Man – OST auf, nur dass Young auf Le Noise singt. Und textlich gehört er zweifelsohne zu den Besten weltweit und zu den wenigen, die noch was zu sagen haben.

A polar bear was drifting on an ice floe
Sun beating down from the sky
Politicians gathered for a summit
And came away with nothing to decide
Storms thundered on, his tears of falling rain
A child was born and wondered why.

Le Noise macht in erster Linie deutlich, dass ein guter Musiker einen herausragenden Produzenten benötigt. Dieses Zusammenspiel ist weitaus wichtiger als das Zusammenspiel zwischen Songwriter und Band. Denn ein Neil Young scheint keine Band zu benötigen, um ein gewaltiges Album auf den Markt zu bringen, das vom ersten Hörgang an begeistert. Für mich ist dieses Album nicht nur eines der besten des Jahres, sondern auch die größte Überraschung des Jahres, weil meine Erwartungen an Neil Young nicht mehr sonderlich hoch waren.

www.neilyoung.com

Platz 1: Tom Petty And The Heartbreakers – Mojo

Tom Petty & The Heartbreakers - MojoDer größte Teil der Welt denkt mittlerweile, dass Southern Rock so klingen sollte, wie ihn die Kings Of Leon im Mainstream-Radio präsentieren. Schade, dass Tom Petty zu alt fürs Radio ist. Gut, vielleicht bekommt man hin und wieder noch American Girl oder Free Fallin’ im örtlichen Oldie-Sender zu hören, doch keine der großen Stationen wird sich trauen, Granaten wie First Flash Of Freedom, Something Good Coming oder (den für mich besten Song des ganzen Jahres) Good Enough zu spielen. Mojo ist nicht nur reiner Southern Rock. Das Album bietet all die großen amerikanischen Musikstile, die entweder aus dem klassischen Rock entsprungen sind oder den Classic Rock beeinflusst haben. Blues, Blues Rock, Southern Rock, Hard Rock, Singer Songwriter. Darüber hinaus scheut sich die Band nicht, mit Don’t Pull Me Over eine gechillte Reggae-Nummer aufzufahren. Das Album ist eine zeitlose Zeitreise und schafft es, trotz der verschiedenen Stile und Sounds homogen zu wirken. Die Lyrics sind ausgezeichnet. In Sachen Songwriting gehört Petty zu den ganz Großen des Americana und braucht sich nicht vor Dylan, Young oder Springsteen verstecken.

God bless this land, God bless this whiskey
I can’t trust love
It’s far too risky.
If she marries into money
She’s still gonna miss me
If you can read it, it’s not the original one
And that’s good enough
Gonna have to be good enough

www.tompetty.com

Tidl hat noch mehr Tips!Wie oben geschrieben: Die großen Rock- und Metal-Künstler haben keine Überraschungen zu bieten gehabt. Und wer keinen Mut hat, der kommt auch nicht in meine Bestenliste. Wie sagte ein Kumpel neulich zu mir? Iron Maiden haben mit The Final Frontier ein Art-Metal-Album versucht. Für mich klingt es eher wie Arsch-Metal. Und Slash? Alle lieben sein Album. Für mich ist es wie mit Indiana Jones 4: Keine Eier in der Hose! Slash war wohl der Meinung, dass er es gemeinsam mit namenhaften Künstlern auf die Reihe bekommt, ein tolles Album aufzunehmen. Mit namenhaften Künstlern kann man aber nur Alben aufnehmen, die sich gut verkaufen.

Weitere Alben, die ich sehr gerne höre, die es aber aus unterschiedlichen Gründen nicht in meine Bestenliste geschafft haben:

Interpol – Interpol

The National – High Violet

I Like Trains – He Who Saw The Deep

The Coral – Butterfly House

Earl Greyhound – Suspicious Package

Sufjan Stevens – The Age Of Adz

Daft Punk – Tron OST

Beach House – Teen Dream

Geheimtipp: Tom Jones – Praise & Blame

Artikel: Tidl

7 thoughts on “Tidls Top Five Alben 2010”

  1. Tidl says:

    Yeah, Tom Jones ist wirklich klasse. Blues-Rock in Reinform!

  2. Kerridge says:

    Yeah,
    Tom und Neil ganz oben, richtig so.
    Aber das Neue von Tom Jones ist mehr als ein Geheimtipp! ;)

  3. Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg says:

    Ich finde Sex ist etwas, was der Mann ruhig von der Frau verlangen kann.

  4. Karl, was hälst du eigentlich von folgendem, schwerwiegendem politischen Thema:

    http://www.titanic-magazin.de/uploads/pics/Titel-0111.jpg

  5. Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg says:

    Es ist wirklich schade, dass AC/DC in diesem Jahr kein Album veröffentlicht haben. Es wäre sicherlich auf Platz 1 gelandet.
    Ich werde mir jetzt mal die passenden illegalen Downloads suchen und zu später Stunde, wenn die Kinder im Bett sind, mit meiner Frau nackig auf dem Bärenfell unterm Tannenbaum liegen und mir die Musik anhören.

  6. Marc says:


    Hey, what about “Sting in the Tail”, that should be in any top 5 of 2010!

    Nice post. Well written.

  7. Sehr schöne Nummer 1.

    Le Noise auf Platz 2 finde ich schon sehr gewagt, das Album ist doch recht gewöhnungs Bedürftig und bei mir hat es noch nicht so richtig gefunkt. Aber vielleicht kommt das noch.

    Zu dem Rest kann ich jetzt nichts sagen, Schande über mein Haupt.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>