Occupy Murray Street-Sonic Youth vor dem Aus?!

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Seit einigen Tagen ist bekannt, dass sich Kim Gordon und Thurston Moore nach 27 Jahren Beziehung getrennt haben. Die Gerüchte über eine Auflösung von Sonic Youth verdichten sich immer mehr.

Gemeinsam mit Lee Ranaldo bilden Moore und Gordon seit über dreißig Jahren das Gerüst der New Yorker Noise-Rocker. Viele behaupten, dass nach Daydream Nation (1988) der Zenit überschritten war und die Band fortan nur noch alte Tugenden aufgewärmt, gar ihre Wurzeln im Punk und Noise-Rock ignoriert hätte und poppig geworden wäre. Dass der Wechsel zu Geffen Records der kreative Sargnagel in der bis dahin noch überschaubaren Historie der Band war. Selbstverständlich sind Sister (1987) und Daydream Nation die Vorzeigewerke schlechthin. Der typische Sound von Sonic Youth, der sich 1986 auf Evol schon angedeutet hatte, wurde in den beiden Folgejahren perfektioniert und später nur noch verfeinert. Platz für große Experimente gab es anscheinend unter Geffens Fittichen nicht mehr. Dennoch hat die Band es geschafft, kontinuierlich ein sehr hohes Niveau zu halten. Von den zehn Studioalben unter Geffen Records fällt höchstens das 1994er Album Experimental Jet Set, Trash & No Star in die Kategorie Mittelmaß. Um den Drang zum Experimentellen zu stillen, gründeten sie das hauseigene Label Sonic Youth Records und tobten sich dort auf bislang neun Alben aus. Aber auch unter Geffen funktionierte das Gesamtkunstwerk Sonic Youth weiterhin. Als kreatives Zentrum der alternativen Musik in den USA waren sie der Wegbereiter des Grunge, förderten Nirvana und die Stone Temple Pilots und sorgten dafür, dass diese Bands sich erstmals einem größeren Publikum präsentieren konnten. In puncto Verkaufszahlen und Popularität konnte Nirvana seine Förderer schnell hinter sich lassen. Kurt Cobains Band gehörte bald zu den angesagtesten und kontroversesten Kapellen der Welt, während Sonic Youth der kommerzielle Durchbruch immer verwehrt blieb. Doch nicht nur befreundete Musiker profitierten von Sonic Youth. Die ganze alternative Kreativszene New Yorks wurde mit eingebunden. Während ihrer gesamten Karriere holten sie sich befreundete oder inspirierende Künstler hinzu, die ihre Plattencover und Konzertplakate gestalten durften. Sonic Youth verstanden sich nie als Rockstars, sondern immer als Künstler und Kunstförderer.

Aber braucht die Welt überhaupt noch Sonic Youth? Haben sie nicht alles gesagt, was zu sagen war? 2009 erschien The Eternal, das erste Album auf einem Idependent-Label nach neunzehn Jahren Zusammenarbeit mit Geffen. Qualitativ konnte es locker mit seinen Vorgängern mithalten, brachte sogar die alte Verspieltheit zurück und bot mit Massage The History einen der besten Songs im gesamten Bandkatalog. Live überboten sie sich selbst. Das Konzert in der Berliner Columbiahalle im Oktober 2009 bot neben neuen Songs ein Best Of ihrer Anfangszeit und ließ viele Zuschauer mit gemischten Gefühlen zurück, weil eben kein Teen Age Riot und kein Sugar Kane gespielt wurde. Die Band präsentierte sich nicht wie ein Haufen Fünfzigjähriger, die ihren alten Scheiß aufwärmen, sondern wie eine ewig junge New Yorker Band, die kein Stück müde und ausgedient wirkte und noch wesentlich dynamischer daher kam, als auf ihrer Festivaltour zwei Jahr zuvor.

Sonic Youth ist nicht einfach nur eine Band, die ihre Wurzeln in der Blütezeit der amerikanischen Gegenkultur hat. Sie sind das vielleicht einzige Überbleibsel aus jener Zeit, das es bis heute geschafft hat, den Spirit New Yorks in den 1980ern weiterleben zu lassen und dabei authentisch zu wirken. Sie stammen aus dem New York von Johnny Thunders, den Talking Heads, aus dem New York des frühen Jim Jarmuschs, des CBGBs, Jean-Michel Basquiats und Keith Harings, aus einer Zeit, der heute nachgesagt wird, dass damals in NYC alles möglich war.

Ihre Songs können als musikalische Darstellung des Lebens in Kurzform betrachtet werden. Es scheint alles aus dem Ruder zu laufen, währen eine Konstante, sei es Gordons Bass-Spiel oder Steve Shelleys Trommeln, immer im Rhythmus bleibt und dafür sorgt, dass am Ende alle wieder in die Spur zurückfinden. Es bleibt zu hoffen, dass jetzt, in der größten Krise ihrer Karriere eine Konstante auftaucht, die es schafft, die Band am Leben zu halten. Im November stehen noch fünf Konzerte in Südamerika an. Was danach passieren wird, ob sich die Band auflösen wird oder sich eine Auszeit gönnt, ist unbekannt. Heute morgen hat ein Fan das nebenstehende Bild ins Netz geladen. Die Weiterverbreitung wurde dann tatsächlich von Sonic Youth via Facebook organisiert.

Die Redaktion von Eleventh Street Kidz unterstützt den unbekannten Fan und fordert ebenfalls: Occupy Murray Street!*

 

* für die Begriffsstutzigen: „Occupy Murray Street“ ist eine Anspielung auf die aktuelle Protestaktion in den USA, die unter dem Namen „Occupy Wall Street“ stattfindet. Murray Street ist ein 2002 erschienenes Album von Sonic Youth. Den ganzen Interpretations-Scheiß überlasse ich euch!

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