Tom Waits-Bad As Me

Tom Waits

„Viel Spaß mit der Gott-Scheibe“, sagte mein Plattenhändler, als ich am Freitag den Laden verließ. Im Gepäck Bad As Me, das sehnsüchtig erwartete neue Album von Tom Waits. Sieben Jahre mussten wir auf ein neues Studioalbum warten. Das erste Album seit seinem Einzug in die Rock ‘N’ Roll Hall Of Fame. Die Erwartung war groß.

„Maybe things will be better in Chicago“, singt er im ersten Song Chicago. Und genau dahin führt er uns. An eben den Ort, an dem sich in den Zwanzigern die Jazz- und Blues-Musiker aus dem Süden niederließen und einen ganz neuen musikalischen Stil kreierten. Dort, wo Waits‘ musikalische Wurzeln liegen. Ob er uns damit auf eine Zeitreise schickt? Ja und nein. Es ist wie es immer war: Alt, rau, dreckig, ja fast schwarz. Der Opener wird untermalt von einem alten Bekannten: Waits’ Kumpel und Rolling Stone Keith Richards zupft an der Sechssaitigen. Es ist einer von vier Auftritten, den er auf Bad As Me hat. Doch noch weitere interessante Gäste sind auf der Platte vertreten: Wie schon auf dem Vorgänger Real Gone spielen Marc Ribot und David Hidalgo Gitarre. Larry Taylor (Canned Heat) spielt Gitarre und Bass, Charlie Musselwhite (Muddy Waters, Howlin’ Wolf, J. L. Hooker) Harmonika, Les Claypol (Primus) und Flea (Red Hot Chili Peppers) den Bass. Waits’ Sohn Casey sitzt bei acht der dreizehn Songs an den Drums.

Talking At The Same Time bietet ein schönes Jazz-Arrangement mit Piano, Keyboard, Posaune, Saxophon und Trompete. Hier kommt zum ersten Mal richtige Chicago-Nightclub-Atmosphäre auf, die später mit Kiss Me noch ihren Höhepunkt finden soll.

Get Lost ist Rhythm And Blues pur. Hidalgo zeigt, was er bei John Lee Hooker gelernt hat. Bester 40er-/50er-Jahre-Sound. Nicht einmal auf Claptons 2010er-Album findet man so ein Gitarrenspiel.

Das Grundthema dieses Albums, Trennung, Flucht, das Sentimentale, wird in Face To The Highway am Direktesten zur Geltung gebracht und ist passend untermalt mit einem laid-back-artigen Sound.

Pay Me und Back in the Crowd sind zwei Balladen, bei denen man sich fragt, wie ernst Waits selbst diese Songs nimmt, so viel Herzschmerz steckt darin. Doch sollte sich der Hörer zu Sentimentalitäten hinreißen lassen haben, werden diese sofort wieder vernichtet, denn Bad As Me, der Titelsong, ist vielleicht Waits‘ größter Kracher seit Jockey Full Of Bourbon. Hier kommt der ganz normale Waits‘sche Irrsinn voll zur Geltung.

Kiss Me schafft es mit wenigen Instrumenten wie keine zweite Nummer auf dem Album Bilder beim Hörer entstehen zu lassen. Bilder von einer einsamen Bar, nachts um halb drei, irgendwo in Chicago oder sonstwo. Draußen ist es kalt, Schnee fällt vom Himmel und nur wenige Gäste haben sich hier her verirrt. Auf der Bühne spielt eine Jazz-Kapelle, doch keiner schaut hin. Keiner traut sich hinzuschauen. Die wenigen Gäste blicken alle nur vor sich hin, in ihre Gläser und lauschen den Worten des Sängers, der von einer verstaubten Liebe erzählt, von der Sehnsucht, sich in dieselbe Frau ein zweites Mal zu verlieben.

Satisfied ist wohl die ultimative Hommage an die Glimmer Twins. „Mr. Jagger and Mr. Richards / i will scratch where i’ve been itching / before i’m gone“. Und alles hinterlegt mit dem einmaligen Gitarrenspiel von Keith Richards himself. Und schon kommt mit Last Leaf die nächste Hommage. Ein Song über die alten Herren, die noch im Geschäft sind und die im Laufe der Jahre Musiker haben kommen und gehen sehen. Alte Herren wie Tom Waits und Keith Richards, die in ihrer Karriere alles durchgemacht haben, was man sich unter Rock ‘N’ Roll vorstellen kann und die dennoch überlebt haben. Und weil er schon mal da ist, unterstützt Keith seinen Kumpel nicht nur an der Gitarre, sondern auch im Gesang. Zwei vom Whiskey gezeichnete Stimmen, die sich selbst feiern: „There’s nothing in the world / that I ain’t seen / i greet all the new ones that are coming in green / i’m the last leaf on the tree / the autumn took the rest but they won’t take me“.

Hell Broke Luce ist ein aggressiver Anti-Kriegs-Song. Der Text ist direkt, brachial und bildgewaltig. Plötzlich stoppen die Blues-Gitarren und ein desillusioniertes Tuba-Gebläse ertönt. Maschinengewehrfeuer wechselt sich mit Hard-Rock-Gitarren ab. Einzige Kostante ist Waits‘ Gesang, der sich unbeirrt durch das Chaos schlägt, wie einst Forrest Gump, der seine verwundeten Kameraden aus dem Bomben-Gewirr des Dschungels rettet.

Der letzte Song  New Years Eve erzählt die Geschichte eines erfolglosen Silvesterabends. Der Text könnte von Charles Bukowski stammen. Der Erzähler flüchtet am Neujahrsmorgen ernüchtert und mit leeren Taschen zurück nach Las Vegas und überlegt sich, wieder Lastwagen zu fahren. Dann ertönt (ob traurig oder lächerlich … ich weiß es nicht) Auld Lang Syne, das schwermütig-schmalzige Neujahrslied.

Produziert wurde Bad As Me von Tom Waits und seiner Ehefrau Kathleen Brennan. Der Sound ist wesentlich harmonischer, als das Wirrwarr auf dem Vorgänger Real Gone, bei dem die gesamte Primus-Bagage mitwirken durfte. Das Album kann mit den Vorzeigewerken Blue Valantine, Swordfishtrombones und Rain Dogs nicht nur mithalten, es übertrifft sie streckenweise sogar, was letztlich an seinen Musikern liegt, die Waits im Gegensatz zu Real Gone zu Bestleistungen verholfen hat. Man hört ihm einfach gerne dabei zu wie er Geschichten von Gunplay Maxwell, Flat Nose George und Ice Pick Ed Newcomb erzählt, die ihm in der Leichenhalle anstarren. Von Mackey Debiasi, dessen Ehefrau ihm einen Zahn ausschlägt und anschließend sitzenlässt.Von der aberwitzigen Silvesterparty mit Nick und Socorro, Candice, Ray und Fin. Es ist der ganz normale Waits‘sche Irrsinn, den wir hier finden. Groteske Geschichten, die einen knallharten Kern haben, Obskure Figuren, die nur kurz auftreten und dennoch einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Großartige Musiker, die zeitlose amerikanische Musik spielen und eine Stimme, die bei einem Weißen einmalig sein dürfte.

Es ist eine Gott-Scheibe, denn Tom Waits ist der musikalische Gott der Theken-Romantik, der Gott der einsamen Straße und der Gott der gescheiterten Liebe.

2 thoughts on “Tom Waits-Bad As Me”

  1. Eric says:

    Es geht nichts über Last Leaf… was für eine Hymne!

  2. Daisy Glaze says:

    Tolle Review über ein tolles Album! “Gott-Scheibe” trifft den Nagel wirklich auf den Kopf: Auf der einen Seite typisch Waits, auf der anderen Seite voller Überraschungen. Und einfach so was von gut! Ich mag sogar den Auld Lang Syne-Einschub.

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