WILCO-THE WHOLE LOVE

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Wilco ist seit langer Zeit eine meiner absoluten Lieblingsbands. Ich kenne keine Gruppe, die auch nur ansatzweise mit dem Sextett um Mastermind Jeff Tweedy zu vergleichen wäre. Das durchschnittliche Debüt A.M. außen vor gelassen, hat die Band es geschafft, fünf Meisterwerke in Folge zu veröffentlichen, und jedes hört sich anders an als der Vorgänger: Being There (Alt.Country), Summerteeth (Pop), Yankee Hotel Foxtrot (Avantgarde), A Ghost Is Born (Indie) und Sky Blue Sky (Folk) – jetzt mal ganz grob in Genreschubladen gesteckt. Yankee Hotel Foxtrot kann man zudem getrost als Meilenstein der Musikgeschichte beschreiben.

Doch dann kam 2009 Wilco (The Album). Da die vorangegangenen Alben alle so verschieden waren, erwartete ich die totale Überraschung – und wurde enttäuscht. Wilco (The Album) war ein Best-of-Album mit neuen Songs. Man hatte das Gefühl, alles schon mal gehört zu haben und kein Song blieb wirklich bei mir hängen. Sollte dies das Ende meiner Liebesbeziehung mit Wilco sein?  Doch da wir uns schon so lange kennen und ich so viele schöne Erinnerungen mit der Band verbinde, beschloss ich, Wilco noch eine Chance zu geben und mir das neueste Werk The Whole Love zu holen (übrigens das erste, das auf eigenem Label erschienen ist).  Der Titel erscheint mir sehr passend, denn, um es vorweg zu nehmen, mit diesem Album habe ich mich wieder neu in Wilco verliebt.

The Whole Love ist stilistisch betrachtet kein Bruch mit den Vorgängern, sondern spiegelt die gesamte Bandbreite wider, zu der Wilco fähig ist. In gewisser Weise also wieder ein Best-of, nur diesmal um einiges kreativer und mit wirklich erinnerungswürdigen Songs. Der experimentellste Song erklingt gleich zu Anfang: Art of Almost. Nach einem wilden Gewusel aus Noise-Pop-Klängen und dumpfen Drums bricht schließlich Tweedys Stimme hervor: No!/I froze/I can’t be so/far away from my wasteland. Der Höhepunkt ist jedoch Nels Clines schwindelerregendes Gitarrensolo gegen Ende.

Es gibt schnörkellosen Indie-Rock wie in I Might, Dawned On Me und Standing O sowie die dunklen Folksongs Black Moon und Rising Red Lung. Weitere Highlights sind das an Pieholden Suite erinnernde Capitol City und die countryeske Ballade Open Mind, die die berührendsten Lyrics des ganzen Albums hat: Oh, I can only dream of the dreams we’d have/how our hearts would be entwined/if you would let me be the one to open up your mind. Den Abschluss bildet das 12-Minuten-Epos One Sunday Morning (Song for Jane Smiley’s Boyfriend), das die Geschichte eines Zerwürfnisses zwischen Vater und Sohn erzählt.

Mag sein, dass Wilco nach Jahren des Suchens endlich ihren Sound gefunden haben und die Zeit der großen Überraschungen vorbei ist. Dennoch ist The Whole Love immer noch so abwechslungsreich, dass es nie langweilig wird, auch durch den Einsatz von Glockenspiel, Mellotron, Cello, Ukulele und einer ganzen Reihe anderer Instrumente. Auf jeden Fall hat The Whole Love mir das Gefühl wiedergegeben, dass ich bei ihren ersten sechs Alben hatte: Kaum ist eine Scheibe raus, kann man die nächste schon nicht mehr erwarten.

One thought on “WILCO-THE WHOLE LOVE”

  1. Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg says:

    Die Liebe zu einer Hit-Gruppe ist wie die Liebe zu einem guten Wein. Es gibt Jahrgänge, die einem mal nicht schmecken, aber im Folgejahr probiert man dann den nächsten.

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