Bill Callahan-Live at Kulturzentrum Lagerhaus Bremen-14.11.2011

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Der Abend begann mit Patzern: Als ich im Zug saß, bemerkte ich, dass ich meinen Mp3-Player vergessen hatte, was nicht so schlimm gewesen wäre, wenn die 15-Jährige ein paar Reihen hinter mir nicht die furchtbarste Chartmucke gehört hätte, die vorstellbar ist. Zu allem Überfluss kippte ich auch noch Wasser über meinen Stadtplan und mein Ticket. Doch der Plan trocknete und auch der Barcode des Onlinetickets war noch einigermaßen intakt. Ich war auf dem Weg nach Bremen, um Bill Callahan zu sehen, the artist formerly known as Smog, bzw. (Smog). Ich habe erst vor zwei Jahren mit dem ehemaligen Lo-Fi-Pionier Bekanntschaft gemacht, als mir sein wunderbares Sometimes I Wish We Were an Eagle in die Hände fiel. Im Frühjahr erschien der ebenfalls großartige Nachfolger Apocalypse, der Callahan jetzt im Rahmen seiner Tour nach Bremen geführt hat. Ich hätte mir keine Sorgen machen müssen wegen des Tickets, denn die Typen im Lagerhaus verzichteten sympathischerweise auf einen Scanner und machten ganz analog einen Strich auf der Liste, der meine Anwesenheit bestätigte. „Oh Mann, da steht ja sogar noch Schlachthof drauf!“, meinte der junge Mann am Eingang, als ich ihm das Papier reichte. Ich hatte erst zwei Wochen zuvor erfahren, dass Bill Callahan nach Norddeutschland kommen würde und einige Minuten Blut und Wasser geschwitzt, weil ich befürchtete, keine Karte mehr zu bekommen. Das Konzert war aber nicht nur nicht ausverkauft, sondern wurde kurzfristig vom Schlachthof in das Lagerhaus verlegt. Ich war etwas zu früh dran, so dass der Raum fast noch leer war. Und so klein! Ich konnte einfach nicht glauben, dass nicht mehr Menschen Bill Callahan sehen wollten. Was ist nur los mit den Bremern? Am Ende tauchten immerhin noch geschätzte 150 Leute auf.

Mit einer Viertelstunde Verspätung erscheint ein schmächtiger junger Mann auf der Bühne. Er trägt eine beigefarbene Jacke, die aussieht, als stamme sie aus dem Fundus von Kim Jong Il. Er bedankt sich bei Bill dafür, dass er an diesem Abend das Konzert eröffnen dürfe, was mich einigermaßen überrascht hat. Zuerst war kein Support angekündigt, dann war von Gregor McEwan die Rede, stattdessen gibt es nun dieses Bürschchen. Ich bin kein Fan von Support Acts. Meiner Erfahrung nach sind sie selten interessant und ziehen die Wartezeit noch mehr in die Länge. Am schlimmsten ist jedoch, dass der Hauptact anschließend meist nur noch 90 Minuten ans Mikrofon darf. Ein Jahr zuvor hatte ich dank doppeltem Vorprogramm geschlagene drei Stunden darauf warten dürfen, dass Joe Pug seinen Gig begann, der dann nach 70 Minuten schon wieder vorbei war. Der junge Mann tat auch nichts, dass meine Einstellung gegenüber Supports geändert hätte, im Gegenteil. Er erzählte, dass er Neil oder Neal hieße, kein Nachname, und dass er ein Album nur mit Gesang und Schlagzeug aufgenommen hätte. Dann begann er mit einer seltsam hohen Stimme, ins Mikro zu singen, bevor er sich ans Schlagzeug setzte und mit der rechten Hand auf die Floortom schlug. Für den Rest des Sets kamen Drums und Backgroundchor jedoch vom Band, während Neil oder Neal wahlweise dazu sang oder Gedichte rezitierte, die er aus einem Textbuch ablas und die von the pavement’s pavement’s pavement handelten und einem Hund, der bellt und bellt und bellt und bellt und bellt und bellt. Das Publikum konnte sich ein gelegentliches unfreiwilliges Lachen nicht verkneifen, applaudierte aber höflich, dann stürmisch, als Neil oder Neal seinen Auftritt beendete. Er bedankte sich, dass wir ihm zugehört und ihn ertragen hatten. Tja ha. Das Beste, was man über sein Set sagen kann ist, das es nur 20 Minuten gedauert hat. Mich hat es in erster Linie ratlos zurückgelassen.

Umso erleichterter war ich, als Bill Callahan endlich die Bühne betrat, heute nicht wie sonst oft in weißem Anzug, sondern schlicht mit Hemd und Jeans bekleidet. Wie sich herausstellte, war Neil oder Neal sein Drummer, außerdem hatte er noch einen E-Gitarristen dabei, während er selbst zur Akustikgitarre griff und natürlich in seinem unverwechselbaren Bariton croonte. Los ging es mit Riding for the Feeling, eine interessante Wahl, wenn man bedenkt, dass der Song davon handelt, wie schwer es sein kann, als Künstler mit dem Publikum in Kontakt zu treten. Tatsächlich ist Callahan niemand, der zwischen den Songs viel erzählt, aber das macht nichts, so ist mehr Zeit für Musik. Immerhin erfährt man, dass seine beiden Mitstreiter Matt Kinsey und Neal Morgan heißen und dies sein erstes Mal in Bremen ist, aber nicht sein letztes. Hört, hört! Einmal droht er sogar an, Neal noch einmal für uns singen zu lassen, der Spaßvogel. Ansonsten ist er die Coolness in Person, nicht mal das ewige Flaschenumstoßen einiger grobmotorischer Zuschauer schafft es, ihm eine Reaktion zu entlocken. Nur wenn er singt, scheint manchmal der Anflug von einem Lächeln auf seinem Gesicht zu erscheinen.

Seine Begleitmusiker erweisen sich als extrem gute Wahl. Kinsey ergänzt Callahans zartes Strumming in Riding for the Feeling durch nachhallende Vibratoakkorde, was dem Song, wie auch den nachfolgenden, eine ganz neue Note verleiht. Auch Neal ist weit mehr als der Taktgeber und überrascht durch unerwartete Akzente. Ein erster Höhepunkt folgt unmittelbar darauf: Baby’s Breath, das durch stete Tempowechsel zugleich irritiert und fasziniert. Auch wenn der Fokus auf Apocalypse liegt, deckt Callahan während der Show seine gesamte Karriere ab. Von Sometimes I Wish We Were an Eagle gibt es Too Many Birds, das hier nicht filigran, sondern wesentlich flotter und treibender daher kommt als auf Platte. Die Songs sind lang: Sechs, sieben Minuten oder mehr. Eins der Highlights live wie auch auf dem Album ist America!, Bills von Hassliebe geprägte Ode auf sein Heimatland. Eine Hymne auf seine Helden „Captain Kristofferson, Buck Sergeant Newbury, Leatherneck Jones, Sergeant Cash“ gepaart mit der Aufzählung aktueller und vergangener Fehler („Afghanistan, Vietnam, Iran, Native American“) sowie einem lakonischen „I never served my country“. Zunächst bläst Callahan monoton in seine Mundharmonika und zupft gedankenverloren vor sich hin, doch dann gewinnt der Song immer mehr an Fahrt, sei es durch die leicht verzerrten Gitarrenklänge oder Neals pulsierendes Trommeln. Am Ende ist sogar noch Platz für ein Zeilenpaar aus Amazing Grace: I once was lost but now am found/was blind but now I see.

Der Song findet seine inhaltliche Fortsetzung in Drover, einer stürmischen Cowboyballade mit nachdenklichen Momenten, die die Weite von Callahans heimischem Texas erfahrbar macht. Das Trio ist aber auch durchaus in der Lage, mal ruhigere Töne anzuschlagen, z.B. bei Free’s. Für den finalen Klimax greift Callahan in die Smog-Kiste und präsentiert ein 16-minütiges Medley aus Say Valley Maker und Let Me See the Colts. Auch dieses beginnt ruhig, nur begleitet von Kinseys dezentem, streicherartigem Gitarrenspiel. Doch dann setzt das Schlagzeug ein und der Song gewinnt an Tempo, bis Neal schließlich lostrommelt wie von der Tarantel gestochen, während Callahan und Kinsey abtauchen und wild drauflos shredden, was eine minutenlange, kakophone Klangexplosion zur Folge hat. Plötzlich bricht diese jedoch ab und Bill lässt den Abend ruhig ausklingen: It’s the end of the show/we all gotta pack up our things and go.

Und das war’s. Zumindest für mich. Die Zugabe habe ich leider verpasst, da ich den letzten Zug erwischen musste. Schade, ich hatte so gehofft, noch einen meiner Favoriten von Eagle zu hören wie Jim Cain, My Friend oder Eid Ma Clack Shaw. Ach, er hat schon recht: It’s never easy to say goodbye to the faces, so rarely do we see another one for so long and so close. Doch trotz des abrupten Endes war es ein großartiges, überwältigendes und durchgehend erstaunliches Konzert. Als ich mich auf den Rückweg durch die eiskalte Nacht mache, ruft mir ein Radfahrer „Schönen Abend!“ zu. Oh ja, den hatte ich.

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