The Brew-Live in der Markthalle Hamburg-29.10.2011

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Ein paar Hippies belagern die Straße vor dem Saturn und halten Plakate hoch, auf denen Sachen stehen wie „Wir sind die 99 Prozent“ und „Ich will nicht mehr in der Matrix leben“. Nerds, die an den Wochentagen in den Hamburger Hörsälen häkeln und am Wochenende die Welt retten wollen. Das im Vorfeld groß angekündigte Occupy Hamburg-Spektakel dauert nur wenige Minuten und dann sind sie auch schon wieder verschwunden, die maskierten Computerhelden; ihre Plakate eingeklappt, die Zelte, die sie zu Symbolzwecken mitgebracht hatten, sind abmontiert. Bevor wir den Saturn betreten, geben Greg und ich unsere Bierflaschen einem Pfandsammler, der den Auftritt der Occupy-Anhänger ebenso wenig verstand hat wie wir. Der Hamburger Saturn ist der größte Elektronikmarkt der Welt. Eine Kleinstadt verteilt auf fünf Etagen, stickig und lärmend wie ein Zoo. Der Laden ist an diesem Samstagnachmittag rappelvoll und es ist kaum auszumalen, in was für ein Irrenhaus er sich in der Vorweihnachtszeit verwandeln wird. Normalerweise wagen wir uns in solche Läden nur rein, um Druckerpatronen zu kaufen, doch heute spielen hier The Brew aus England ein Showcase, das wir nicht verpassen wollen.

Im vierten Stock ist eine kleine Bühne aufgebaut. Die drei Jungs sitzen bereits auf ihren Barhockern, die Instrumente auf dem Schoß, und warten darauf, dass der Mann am Mischpult die richtigen Einstellungen findet. Etwa dreißig Leute haben sich um die Bühne herum verteilt. Einige halten CDs und Tourplakate bereit, um sie nach dem Showcase unterschreiben zu lassen. Der Sound scheint gefunden, auch wenn er nicht optimal ist. Die Jungs aus England spielen Akustikversionen von fünf Songs ihres aktuellen Albums The Third Floor. Kurtis Smith, sonst an den Drums, spielt die Rhythmusgitarre, wirkt dabei aber amateurhaft und muss immer wieder aufs Griffbrett schauen. Sein Vater Tim am Bass ist einfach nur britisch cool im Gegensatz zu Frontman Jason Barwick, der zu Beginn noch nervös scheint, doch dessen Anspannung sich ganz schnell löst, weil er wohl selbst merkt, dass er es drauf hat. Später wird er uns noch verraten, dass er diese Art von Promotion zwar mag, doch am Liebsten die Akustikgitarren auf der Bühne schrotten würde, weil die Musik von The Brew laut und dröhnend gespielt werden muss.

Bis zum Interview haben wir noch knapp zwei Stunden zu vertreiben und darum gehen wir zurück zum Bahnhof, um uns Bier und Bratwürste zu kaufen. Zwei Straßenphilosophen, die an einem grauen Herbsttag irgendwo an den Bahnschienen sitzen und das tun, was sie am liebsten machen: Bier trinken und dabei über Musik reden. Ein kleinwüchsiger Araber kommt vorbei und setzt sich zu uns.
„Hallo, ich bin Hamit.“
Er hat die höchste Stimme, die ich je in meinem Leben gehört habe.
„Hallo, Hamit. Ich bin John und das hier ist George.“
Wir reichen uns die Hände.
„John und George“, wiederholt er.
„Singst du im Chor, Hamit? Du gibst bestimmt einen schönen Sopran ab?“
„Nein, ich singe nicht. Ihr? Seid ihr eine Musikgruppe?“
„Sieht man das?“
„Wie heißt eure Musikgruppe?“
„Wir nennen uns Johnny and the Moondogs, suchen aber gerade nach einem fetzigeren Namen.“
Johnny and the Moondogs“, wiederholt er, als hätte den Namen irgendwo schon mal gehört.
„Sag mal, kennst du nicht noch einen guten Schlagzeuger, Hamit? Unser Drummer taugt nicht sehr viel.“
„Nein. Ich kenne leider keinen.“
„Da kann man nichts machen.“
„Wollt ihr vielleicht Schnee kaufen?“, fragt er.
„Nein, danke. Wir sind schon versorgt. In unserer Branche brauchen wir uns darum keine Sorgen zu machen. Das Musikbusiness wäre auch was für dich, Hamit. Hübsche Frauen, gutes Essen. Man kommt rum, bereist die Welt, ist mal hier, mal da. Gibt da für Leute wie dich eine Menge zu verdienen.“
„Ich will dann mal weiter.“
Er hat sein Interesse an uns verloren und zieht ab. Vielleicht auf der Suche nach einer jungen Band, die noch nicht so gut versorgt ist, wie Johnny and the Moondogs.

Es gibt kaum eine Konzertlocation, die ich lieber besuche als die Markthalle. Der Laden sieht gut aus und ist legendär. AC/DC spielten hier 1977 vor tausend Leuten. Charles Bukowski hielt hier 1978 seine einzige Lesung in Deutschland überhaupt und Clash-Frontman Joe Strummer wurde im Mai 1980 auf der Bühne verhaftet, weil er seine Gitarre auf dem Kopf eines Zuschauers zerschmettert hatte.
Das Team der Markthalle ist freundlich, sie sind weitgehend unabhängig von Eventim, schaffen es dennoch, ihren Laden ständig voll zu bekommen. Hier findet man keine Türsteher im Anzug, die Zuschauer aus einem beschissenen Interpol-Konzert rausschmeißen, weil sie nicht mehr aufrecht stehen können.
Der Soundcheck von The Brew verläuft reibungslos. Der Sound ist gut, doch die Songs hören sich für meinen Geschmack noch zu gelackt an, klingen zu sehr nach Studio. Zweieinhalb Stunden später sollen sie in einem ganz eigenen Gewand daherkommen.
Die drei Jungs der Vorgruppe Kamchatka lungern in der Halle herum. Ich habe ihre Musik vorher weder gehört noch mich über die Band informiert und ordnete sie, nun, wo ich sie sehe, in die Death Metal-Schiene ein. Aber auch hier werde ich später noch positiv überrascht.
Ab zum Interview. Tim Smith sitzt auf der Couch und isst Möhren mit Sour Cream. Die drei sind gut drauf, lachen viel und es ist einfach schön zu sehen, wie Tims Augen anfangen zu strahlen, wenn Namen wie The Who oder Wolfmother fallen. Jason bringt seine Gitarre sogar mit zum Interview, nur um sie in der Hand zu halten, so, als trenne er sich selbst nachts nicht von ihr. Die Band merkt, dass wir ihre Musik mögen, uns ernsthaft mit ihr auseinandergesetzt haben und dass wir keine uninteressierten Schreiberlinge sind, die den Auftrag bekommen haben, über irgendeine angesagte englische Bluesrock-Band zu schreiben. Vermutlich geht es ihnen wie mir, denn ich kann es schon lange nicht mehr lesen: In jedem Interview, in jedem Artikel wird auf die Vater-Sohn-Beziehung von Tim und Kurtis eingegangen. Wie ist es so, mit Vaddern auf Tour zu sein? Dürft ihr auch mal die Sau rauslassen, wenn Vaddern dabei ist? Kontrolliert Vaddern, ob ihr euch jeden Abend die Zähne putzt? Ist doch scheißegal, ob sie nun Vater und Sohn oder zwei gleichaltrige Musiker sind. Der ganze Familienkram scheint hier sowieso keine allzu große Rolle zu spielen. Sie sind Vollblutmusiker und die Liebe zur gleichen Musik hat sie zu einer Band werden lassen. Wenn Tim auf der Bühne steht und dem Publikum mit seiner Bierbuddel zuwinkt, dann erkennt man sein Alter höchstens an seinen Mokassins. The Brew sind eine bodenständige und harmonierende Band und so präsentieren sie sich auch auf und hinter der Bühne.
Die Bierstände in der Markthalle haben noch geschlossen, also gehen wir wieder zum Bahnhof zurück. Vor der Wandelhalle treffen wir unseren arabischen Freund wieder, nur leider befindet er sich im Schlepptau von drei Polizisten. Sein Geschäft lief heute wohl nicht so gut wie das unsere. Wenn er wieder frei kommt, sollte er versuchen, eine Anstellung als einer der beiden Knaben in der Zauberflöte zu bekommen. Oder als neuer Sänger bei Kamchatka, der schwedischen Vorgruppe. Sie machen ihren Job als Support zwar ganz ordentlich, besonders Gitarrist Thomas Andersson hat einen tollen Sound, doch Roger Öjerssons Stimme kann nicht überzeugen. Die Musik ist ein bisschen Stoner, ein bisschen Psychedelic, ein bisschen Blues-Rock.

Die Pause verbringen wir in der Raucherbude. Ein Typ mit einem Voodoo Lounge-Shirt setzt sich neben uns. Er muss ungefähr 60 sein. Wir kommen mit ihm ins Gespräch. Er erzählt uns, wann und wo er schon überall die Stones gesehen hat.
„Das Shirt habe ich mir 1995 im Paradiso in Amsterdam gekauft.“
Bei jenem Auftritt, der später auf dem wundervollen Stripped-Album vertreten sein sollte.
Es sind immer ganz besondere Momente, Menschen zu treffen, die Musik lieben wie wir und denen man aufgrund ihrer Altersweisheit gespannt zuhört. Im Laufe der Jahre kommen da interessante bis skurrile Geschichten zusammen. Freaks, die die Stones über 170 Mal gesehen haben wollen. Ganz normale Typen, die von Elvis berichten, aber meinen, dass Buddy besser gewesen wäre. Achtundsechziger, die während ihres Auslandssemesters 1966 regelmäßig Pink Floyd im Londoner Marquee Club besucht haben. Natürlich pupsen diese Leute auch rum und es ist nicht immer klar, welche Geschichten Wahrheit und welche Dichtung sind, aber darum geht es auch gar nicht. Eine gute Geschichte kann auch erlogen sein, sie solange sie unterhält. Keinen von diesen Menschen habe ich je wiedergetroffen, doch ihre Geschichten habe ich mir gemerkt, ob sie stimmen oder nicht.
„Ich bin übrigens Drogen-Michi“, sagte er und reichte uns die Hand.
„Ich bin Tidl, das hier ist Greg. Freut mich, Drogen-Michi.“
Ich merke schon, dass er ungeduldig wartet. Er will, dass wir nach der Bedeutung seines Namens fragen.
„Darf ich vor lauter Neugierde fragen, wie man zu so einem Spitznamen kommt?“
„Na, weil ich der beste Joint-Bauer von ganz Oldenburg bin.“
„Na, da bin ich ja gespannt, denn ich kenne einige wirklich gute Joint-Bauer in Oldenburg.“
Drogen-Michi kramt in seiner Hosentasche herum und bringt ein silbernes Etui zum Vorschein, in dem er drei wirklich meisterhaft gedrehte Waffeln aufbewahrt. Er zündet eine an, zieht dran und reicht sie uns.
„Wisst ihr, das ist kein richtiges Gras, sonst würde ich es ja nicht hier mitten im Raucherraum qualmen. Das Ganze nennt sich Sweed und wird im Internet als Räuchermischung verkauft. Stinkt ein wenig, aber knallt wie richtiges Gras.“
„Hier“, sagt er und reicht mir die Waffel. Ich habe schon häufiger etwas über synthetisches Marihuana gelesen, es aber noch nie probiert. Es schmeckt ein wenig bitter, aber auch nicht übel. Ich reiche Greg die Tüte und auch er hat seine Freude daran.
„Kommt anonym mit der Post. Ist zu hundert Prozent legal. Wenn wir nichts getrunken hätten, dann dürften wir jetzt sogar noch Auto fahren.“
Nach der zweiten Runde ist mir nicht mehr so nach Autofahren zumute. Das Zeug haut ohne große Vorwarnung rein. Eben noch waren wir angetrunken und im nächsten Augenblick total bekifft. Weniger stoned, sondern eher heiter. Es geht uns verdammt gut, doch bei der dritten Runde passen wir. Eine bei mir in ähnlichen Situationen äußerst seltene Vernunft überkommt mich und ich rate auch Greg von weiteren Zügen ab. Die Musik geht los. Die Band steht auf der Bühne. Wir verabschieden uns von unserem Hasch-Bruder und gehen in den Saal. Ich habe absolut die richtige Stimmung für das anstehende Konzert. Ich freue mich wie ein kleines Kind.
Der Laden ist nicht voll. Etwa 450 Karten wurden im Vorverkauf an den Mann gebracht. Ich schätze, dass in der Halle ungefähr 600 Leute sind. Dementsprechend einfach ist es für uns, bis ganz nah an die Bühne heran zu kommen. Das Konzert beginnt mit Six Dead und Sirens Of War, den größten Rockern auf The Third Floor. Wir hören die Songs nach dem Showcase und dem Soundcheck zum dritten Mal an diesem Tag und jede Version klingt anders. Aber diese hier, die Live-Versionen, die direkt aus den Boxen einen Meter neben uns dröhnen, das sind die ultimativen. Sie sind laut, schmutzig und vor allem lang. Die Band geht von Anfang an gut ab. Speziell Jason, der am Nachmittag noch schüchtern und zurückhaltend wirkte, ist nicht mehr zu bremsen. Die Gitarre verleiht ihm ein unglaubliches Selbstvertrauen. Seine Stimme ist makellos. Die Songs gehen fast nahtlos ineinander über. Das neue Album ist mit acht oder neun Nummern vertreten. Vor der Zugabe spielen sie KAM vom Vorgänger A Million Dead Stars. Der Song fasziniert schon auf dem Album mit seinen über acht Minuten, aber was die Band hier auf die Zuschauer loslässt, habe ich so live noch nicht geboten bekommen. Jason zeigt all sein Können und huldigt seine Idole, indem er mal die Gitarre à la Hendrix hinter dem Kopf spielt, mal die Windmühle von Pete Townshend über die Fender hämmert und schließlich den Geigenbogen herausholt, um den Song mit haargenau jener düsteren Klangwelt zu beenden, die Jimmy Page auf der Bühne Dazed And Confused verlieh. Das hat alles nichts zu tun mit pseudo-coolen Rockposen, wie man sie bei jeder halbgaren Band in den Jugendzentren hinter Kirchlinteln finden kann. Ja, natürlich handelt es sich hierbei um Kopien, aber er macht auch keinen Hehl daraus. Er huldigt seine Idole, indem er ihre unverkennbaren Markenzeichen in seine Show einbaut, und was soll schon daran schlimm sein? Sie brauchten in ihrer Anfangszeit ihre Vorbilder als musikalische Wegweiser, haben aber spätestens mit The Third Floor bewiesen, dass sie zu ihrem eigenen, unverwechselbaren Sound gefunden haben. Das ist ein gewaltiger Schritt, auf den Musiker wie Andrew Stockdale noch warten lassen. Die Band hat längst ihre eigene Handschrift gefunden und da sei Jason der Freiraum für Windmühlen und Geigenbögen gegönnt. Er selbst findet die passenden Worte: „We have been listening to those kind of music since day one. It is in our blood and we have a passion for this music.“ Punkt.
Und auch Kurtis huldigt einem seiner Idole in seinem unglaublichen fünfzehnminütigen Drum-Solo, denn irgendwann wirft er die Sticks einfach weg und trommelt mit den Händen weiter. So wie Bonham bei Moby Dick.
Genauso schlagartig, wie er gekommen war, hat sich der Sweed-Rausch wieder verflüchtigt. Ein seltsames Zeug. Doch die künstliche Aufheiterung brauche ich nicht mehr. Jason, Kurtis und Tim haben die ganze Halle in einen Rausch gespielt und scheinen auch den letzten Zuschauer hinter sich gebracht zu haben. Der Applaus will nicht enden, die Schreie nach Zugabe sind aufrichtig. Jeder will mehr, keiner möchte gehen.
Die Band kehrt mit Piper of Creed und A Million Dead Stars zurück, verschwindet abermals, um sich endgültig mit Hendrix’ Little Wing zu verabschieden. Früher behaupteten böse Zungen, dass die Leute nur auf Konzerte von The Brew gingen, um eine perfekte Version eines Hendrix-Klassikers zu hören. Tja, die Version (von Tim gesungen) ist in der Tat perfekt, aber in Zukunft werden die Leute aus anderen Gründen auf ein Brew-Konzert gehen.

Hätte Jason am Nachmittag im Saturn bereits seine elektrische Gitarre gespielt, wäre ein Kaufhausbrand wohl nicht zu vermeiden gewesen. Dann hätte der ein oder andere Occupy-Hippie sein Zelt wieder aufgeschlagen und wäre nackt ums Lagerfeuer getanzt. „Ich will nicht mehr in der Matrix leben“, stand auf einem ihrer Plakate. Ja, Alter! Pack deine Sache zusammen, schnapp dir deine Freunde und schaut euch alle The Brew an, denn da bekommst du was Echtes geboten!

 

Morgen folgt das große Interview mit The Brew! Stay tuned!

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