Graveyard, Loaded und Motorhead-Live in Hamburg 2011

Lemmy-Head

Am Bahnhof stoßen wir auf einen alten Bekannten.
„Hey, Keith, wie sieht’s aus?“
Keith Richards kommt rüber und stoßt mit uns an. Ganz so, als hätten wir uns eben erst getrennt. Doch es ist schon über zwei Jahre her, dass sich unsere Wege zuletzt kreuzten. Damals teilte er mit uns exklusives Wissen über die alte Zeit im Star Club. Er kannte sie alle, hatte mit ihnen gesoffen, gefeiert und gehurt. Jetzt sind sie alle weg, viele von ihnen unter der Erde und nur noch er ist übrig. Ein wandelndes Museum voller wundervoller Geschichten.
„Mach mal den Midnight Rambler an“, hatte er vor zwei Jahren zu uns gesagt, als wir auf den Zug Richtung Berlin warteten. Den tragbaren CD-Player dabei. Es lief die Get Yer Ya-Ya’s Out!.
„Die beste Version dieses Songs überhaupt“, hatte Keith gesagt. Auch damals waren wir unterwegs, um Duff McKagan zu sehen. Hatten mit Keith ein paar Biere getrunken und über die Stones philosophiert. Doch heute ist er nachdenklicher. Liegt vielleicht an der Adventszeit.
„Wisst ihr überhaupt, dass es Kinder gibt, die kein Essen zu Hause bekommen?“, fragt er. In seinem Bandana hängen der Union Jack und die Stars And Stripes. Auf der Rückseite seiner Jacke ein riesiger Büffel.
„In der Dritten Welt?“
„Nein, hier in Hamburch.“
„Nicht wirklich?“
„Doch, davon berichten die schon seit Tagen auf NDR 90 Komma 3.“
„Das ist schlimm.“
„Die Lütten müssen hungrig zur Schule gehen, während die Alten an jeder Ecke umsonst was zu fressen bekommen.“
„Wirklich schlimm.“
„Habt ihr vielleicht noch fuffzig Cent für mich?“
„Du kannst auch ein Bier von uns bekommen.“
„Ne, ich muss pissen. Kostet Geld.“
Greg gibt ihm einen Euro.
„Hast du auch noch was?“, fragt Keith mich.
„Ne, mein Kumpel hat für uns beide bezahlt.“
„Ach ja.“ Er schaut nachdenklich in die Ferne, so als müsse er sich für das was folgt sammeln.„Übrigens: Ihr seid wenigstens noch vernünftige Menschen.“
Yeah, du auch!

Wir steigen am Lattenkamp aus und kaufen uns im Kiosk zwei Dosen Ravenbräu, was auch immer das sein mag. Vor der Station sitzen zwei kleine Mädchen, aufgetakelt, mit Totenköpfen auf den Strumpfhosen und das Schminken in der Bravo Girl erlernt.
„Die wollen bestimmt auch zu Lemmy“, sage ich.
„Die wollen bestimmt von Lemmy flachgelegt werden“, sagt Greg. Wir lachen ohne zu ahnen, wie wahr seine Worte werden sollen.
An der Alsterdorfer Sporthalle treffen wir die wieder eine Bekannte von Greg und mir. Ein ungefähr zweihundert Kilo schweres Mädchen, ihre greise Mutter im Schlepptau. Wir haben sie bisher auf all unseren Besuchen von Loaded-Konzerten getroffen haben. Ein paar Stunden zuvor hat Greg noch gewitzelt. Hat gesagt, dass wir die fette Sau bestimmt wieder antreffen werden und nun steht sie da und auch ihre Mutter ist wieder mit dabei. Nachdem wir 2009 in Berlin von ihr eine Abfuhr bekommen haben und um unsere Gesundheit Angst haben mussten, als wir sie fragten, ob Duff schon in der Halle sei, ignorieren wir sie heute schlichtweg. Damals trug sie das größte Bandshirt, das ich jemals gesehen habe und von dem ich bis heute nicht sagen kann, ob es offizielles Merchandise oder eine Privatanfertigung war. Aber sie erkennt uns. Das sehe ich und sie sieht in uns Kontrahenten im Kampf um Duffs Liebe … oder so ähnlich.
Der Tourmanager von Graveyard ruft an: „Sorry for the delay, but we are in Stau.“
Kein Problem. Zurück zum Kiosk. Zwei neue Ravenbräu für jeden und dazu noch ein Frikadellenbrötchen. Im Kiosk läuft Enter Sandman. So langsam bekomme ich Lust auf laute Musik.
Als wir zurück an der Sporthalle sind, fährt gerade Lemmy in einer weißen Limousine ein. Und wer wird durch die Absperrung gelassen, um mit ihm in die Halle zu verschwinden? Die beiden kleinen Mädchen, die noch vor einer Stunde an der U-Bahn-Station saßen und über die wir Witze gerissen haben. „Lemmy“ brüllen sie. Ein Wink vom größten Rocker auf diesem Planeten reicht und der ansonsten übereifrige Security-Hoschi gewährt ihnen den Eintritt, auf den wir noch warten müssen, weil Graveyard im Feierabendverkehr feststeckt.
Zwei Autogrammsammler leisten uns Gesellschaft. Das übliche Gerede: Wen habt ihr schon getroffen usw.
„Aber einmal hatte ich richtig Muffensausen“, sagt der Eine. Sein Knie guckt schon durch. Die Haare in der Stirn sind jedoch akribisch zu einem ordentlichen Mecki gestylt. „Das war als ich Charlie Watts auf der Champs-Élysées über den Weg gelaufen bin. Man, haben da meine Beine gezittert.“
Ich bin drauf und dran ihm davon erzählen, dass wir am Nachmittag Keith Richards am Hauptbahnhof getroffen haben, halte mich aber zurück.

Das Telefon klingelt, kurz darauf holt uns Axel ab und führt uns in die Umkleidekabine von Graveyard. Das Interview verläuft schleppend. Die Jungs aus Schweden sind saucool, doch ich werde das Gefühl nicht los, dass das alles nur Fassade ist und sie verdammt aufgeregt sind. Die meisten Fragen beantwortet Basser Rikard Edlund, dessen Antworten womöglich wegen des fehlenden Schneidezahns sehr schwer zu verstehen sind.
„Kann ich mir ein Bier nehmen?“, frage ich.
„Sure.“
In der Kabine stehen je eine Kiste Jever, Kölsch und Warsteiner. Ich entscheide mich für das Jever.
„Ihr trinkt doch kein Kölsch oder?“, fragt Greg.
„Why?“
„Na, ihr müsst doch Jever trinken. Schön Herb. Das entspricht unserer nordischen Mentalität.“

Nach dem Interview begleitet uns Axel wieder nach draußen, wo uns Duff McKagan über den Weg läuft. Über neunzehn Jahre ist es her, da zierte das erste Guns N’ Roses-Poster die Wand meines Kinderzimmers. Fünf Mal habe ich ihn live gesehen und nun endlich habe ich die Gelegenheit, ihn mal zu treffen.
„Hey Duff, can we shoot a photo?“
„Sure.“
Er trägt seine pottenhässlichen Reeboks in der Hand. In einem Schuh steckt eine Dose Red Bull. Wir posieren mit unseren Jever-Flaschen für ein Foto mit einem Menschen, der nie wieder in seinem Leben einen Schluck Alkohol trinken darf.
„Enjoy the show!“, sagt er und haut ab. Duff McKagan, Baby!

Ich war erst einmal in der Alsterdorfer Sporthalle und ich hatte sie nicht so groß in Erinnerung. 7.000 Leute scheinen da reinzupassen. Und ich weiß auch nicht, ob ich die Halle mögen soll oder nicht. Sie hat den architektonischen Charme der späten Sechziger, der auf mich mal abstoßen und dann auch wieder anziehend wirkt. Im Vergleich zur O2-World versprüht sie aber nicht den Charakter einer modernen Multifunktionshalle, die einzig und allein auf Event ausgerichtet ist. Die ewige Frage: Schaue ich mir ein Fußballspiel lieber am Millerntor oder in der Imtech-Arena (ehemals Volksparkstadion, ehemals AOL-Arena, ehemals HSH-Nordbank-Arena) an?

Graveyard spielen fast ausschließlich Songs ihres aktuellen Albums Hisingen Blues. Die Platte gehört zu den besten Rockalben des Jahres. Leider weiß das Publikum nicht zu schätzen, was für Granaten hier auf der Bühne stehen. Höchstens dreihundert Leute haben sich direkt vor der Bühne eingefunden und sie sind lange Zeit sehr zurückhalten, vermutlich weil hier nicht einfach nur rumgelärmt wird, sondern weil es hier wirkliche Musik zu bieten gibt. Doch spätestens mit The Siren und dem Titelsong Hisingen Blues merken die Leute, dass man ruhig mal zu einer Vorgruppe hadbangen darf. Ich sehe Graveyard zum ersten Mal. Die Stimme von Frontman und Rhythmus-Gitarrist Joakim Nilsson ist nicht so kräftig, wie auf dem Album, doch dafür hat die Band mit Axel Sjörberg einen der wildesten Drummer, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Gemeinsam mit Rikard Edlund am Bass, dessen rechter Arm komplett ruht, während die Bewegung seiner Hand für kein Auge dieser Welt nachzuvollziehen ist, haut er den monströsen Sound raus, für den Graveyard steht.

Kurze Pause. Bier, Kippe und dann Loaded. Mittlerweile stehen ein paar mehr Leute vor der Bühne, doch sie sind weitaus weniger enthusiastisch, als das Berliner Publikum 2009, als Loaded für die Crüe eröffnen durfte. Das Konzert beginnt mit Sick und dann kommen anscheinend nur noch Songs vom aktuellen Album. Ich habe The Taking nie gehört, weil es mich schlichtweg nicht interessiert. Im Juni habe ich die Band im Grünspan vor zweihundert Leuten auftreten sehen und die neuen Songs haben mich auch dort schon nicht berührt. Ich finde die Band uninteressant. Den anderen Zuschauern scheint es ähnlich zu gehen. Schaut man auf die Handys, die in die Höhe gehalten werden, so ist Duff das einzige Foto-Objekt. Ein Loaded-Song folgt dem nächsten, doch dann kommen endlich die Highlights: Der Damned-Klassiker New Rose und das Misfits-Cover Attitute mit Phil Campell an der Lead und Duff am Bass. Auffällig ist, dass die Zuschauer selbst hier noch nicht wirklich abgehen. Selbst bei It’s So Easy zeigt kaum einer eine Regung, was definitiv nicht an Duff liegt, denn der scheint in der besten Form seines Lebens zu sein. Schon im Grünspan war ich schlichtweg begeistert davon, wie viel Energie der Typ noch besitzt und wie sehr man ihm den Spaß am Auftreten ansieht. Doch gleichzeitig tut es mir in der Seele weh, wenn ich ihn mit dieser aberwitzigen Band auftreten sehe und ich hoffe stark, dass sich bei den Revolvers in naher Zukunft mal was tut, damit Duff wieder in ein würdiges Umfeld zurückkehrt.

Motörhead ist Motörhead. Auch wenn sie heute nicht so laut sind, wie gewöhnlich. Die Halle ist voll, das Publikum geht ab. Lemmy bleibt cool, wenn Becher auf die Bühne geworfen werden und irgendwann kommt dann Duff auf die Bühne, um mit Phil zusammen die Gitarren zu Killed By Death zu spielen.

Nach dem Konzert warten wir auf unsere Freunde Autogrammsammler hinter der Halle. Irgendwann kommt ein Taxi vorgefahren und kurz darauf erscheint Lemmy, im Schlepptau die beiden kleinen Mädchen mit den Totenköpfen auf den Strumpfhosen. Ganz englischer Gentleman hält er ihnen die Tür auf und steigt dann selbst ein. Als er an uns vorbeifährt sitzt er auf der Rückbank zwischen den Mädchen. Den rechten Daumen hebt er zum Gruß. Die linke Hand ruht auf dem Schenkel seiner neuesten Trophäe.
„Na ja“, sagt Greg, „wenigstens brauchen die beiden Mädchen morgen nicht hungernd zur Schule gehen.“

Lest auch das Interview mit Graveyard das wir an diesem Abend geführt haben!

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