Tidls Top Five Alben 2011

Top5-Header

Nach einem recht enttäuschenden 2010 hatte es das nun endende 2011 wirklich in sich. Auf meiner Liste, die ich immer mehr kürzen musste, um schließlich auf meine fünf Highlights zu kommen, standen anfangs 35 Alben, von denen verdammt viele das Potential hatten, in die Top Five zu gelangen.

Vorfreude genieße ich mit Argwohn, weil ich häufig enttäuscht werde. Spätestens seit den Star Wars-Prequels, als sich die Vorfreude ins Unermessliche gesteigert hatte und ich dann im 3-Jahres-Takt immer wieder auf die Fresse fallen sollte, halte ich mich zurück, wenn es darum geht, auf eine Filmfortsetzung oder ein neues Album meiner Lieblingsband zu warten. Darum war der Schlag auch nicht so groß, als im Frühjahr Angles, das vierte Album der Strokes, auf den Markt kam und mit wirren, unkoordinierten Rhythmen und einer mangelhaften Produktion auffuhr. Und auch bei Suck It And See, dem vierten Album der Arctic Monkeys, konnte ich relativ cool bleiben, als dann irgendwann die Einsicht kam, dass die Band eine knallharte Rocknummer als Vorabsingle heraus gehauen hat, nur um von den vielen Mid-Tempo-Schnulzen abzulenken, die das Album füllen.

Weitere Enttäuschungen waren die beiden Alben der Gebrüder Gallagher. Keiner der beiden ehemaligen Oasis-Musiker konnte mit seinen neuen Projekten bestechen. Hier und da ein netter Song, doch in der Summe einfach zu schwach. Die Krönung der Enttäuschung ist das allgemein gepriesene aktuelle Radiohead-Album The King Of Limbs. Tom York und Anhang könnten eine Aneinanderreihung von Fürzen aufnehmen und die Kritiker würden sie trotzdem feiern.

Auffällig ist, dass ich in diesem Jahr gleich zwei Debütalben in meiner Top Five habe und ein Album, das in keinem Plattenladen der Welt zu kaufen ist.

Platz 5: The Vaccines – What Did You Expect From The Vaccines?

Frischer Wind in der Indie-Szene oder bloß das letzte Auflodern einer sterbenden Flamme? Das Debüt der Londoner ist frisch, jung und macht Bock auf Party. Und auch wenn die Lyrics in ihrer Stumpfheit kaum zu übertreffen sind, so gab es in den letzten drei, vier Jahren doch kein Album, das von vorne bis hinten so sehr zum Tanzen animiert hat. Es bleibt zwar abzuwarten, in welche Richtung sich die Band entwickeln wird, doch die Momentaufnahme stimmt. Auch weil die Vaccines gern genannten Vergleichsbands wie den Arctic Monkeys und den Strokes dieses Jahr gezeigt haben, wie man noch urigen Indie machen kann, ohne in halbherzige Experimente oder gar in den Chart-Pop abzudriften. Leider blieb es mir bei zwei Versuchen verwährt, die Vaccines in diesem Jahr in voller Länge zu sehen. Beim Hurricane-Festival tauchten sie einfach nicht auf und zum dem Konzert in Hamburg kam ich erst zum letzten Song der Zugabe, weil sich irgendein Trottel in Lauenbrück vor den Zug werfen musste. Dennoch schien das Publikum vom Konzert begeistert gewesen zu sein. Freudestrahlende Gesichter überall … aber was will man bei solch fröhlicher Musik auch anderes erwarten?!

http://www.thevaccines.co.uk/de/home/

Platz 4: Wild Flag – Wild Flag

Das zweite Debütalbum in meiner Top Five. Wild Flag, eine All-Girl Band aus Portland, die irgendwo zwischen Punk und Psychedelic einzordnen ist. Mit Glass Tambourine haben sie einen der besten Songs des Jahres auf ihrer Platte. Eine Nummer, die über zwei Minuten im Post-Nico-Velvet-Underground-Gewand daherkommt, um dann das wohl schönste Gitarrensolo darzubieten, das ich je von einer Frau gehört habe. Die Damen sind schon lange im Geschäft. Sie haben in unterschiedlichen mehr oder minder namenhaften Girl-Bands gespielt, so dass Wild Flag als Super-Girl-Band angesehen werden könnte. Sie gehen alle auf die Vierzig zu und bemühen sich gekonnt, jung zu klingen. Daran gibt es nichts auszusetzen, wenn Songs wie Black Tiles, dem fast schon epischen Rausschmeißer, dabei herauskommen.
Im Februar 2012 sind Wild Flag in Deutschland auf Tour. Konzert-Mitschnitte auf Youtube lassen bereits von ihrer Live-Qualität ahnen. Sie hüpfen, sie tanzen, sie spielen die Gitarren hinterm Kopf … und alles in kurzen Röcken.

http://wildflagmusic.com/

 Platz 3: The Underground Youth – Delirium

Vorab: Jede zweite Bestenliste beinhaltet Künstler, von denen ich noch nie etwas gehört habe, von denen ich dann glauben muss, dass sie der große Geheimtipp sind, das dicke Ding, an dem in Zukunft niemand mehr herumkommen wird. Und ein Jahr später merkt man dann, dass alles nur heiße Luft war. Dass der Rezensent dieses Album oder diese Band nur drin hatte, um ein bisschen rumzupupsen.
Jede Wette: Von The Underground Youth wird wohl noch kein Leser etwas gehört haben. Der aus Manchester stammende Craig Dyer, Mastermind der Underground Youth, hatte bereits vier Alben selbst produziert und kostenlos im Internet angeboten, bevor sein fünftes Werk Delirium kostenpflichtig für fünf Britische Pfund auf Bandcamp.com angeboten wurde. Bis dato gibt es kein physikalisches Release und nur wenige Live-Auftritte von The Unterground Youth. Das stimmt traurig, denn die Musik ist schlichtweg grandios. Sie bewegt sich irgendwo zwischen den Black Angels, Velvet Underground, The XX, Jesus And The Mary Chain und Bob Dylan, hat trotzdem ihren ganz eigenen Sound. Dyer hat alle seine Alben zu Hause aufgenommen und mit einfachsten Mitteln gemixt. Die Videos, von denen es eine Vielzahl gibt, sind von ihm produziert oder aus anderen Filmen wie Jim Jarmuschs Permanent Vacation gestohlen. Delirium gehört zu meinen absoluten Lieblingen 2011. Laut Dyer wird es in 2012 ein Vinyl-Release sowie eine Tour geben. Vielleicht taucht dann Delirium in meiner 2012er-Liste abermals auf.

Hier der Song I Need You visualisiert mit Bildern von Wong Kar-Wais Chungking Express:

http://the-underground-youth.bandcamp.com/

 Platz 2: The Black Keys – El Camino

Seit Brothers (2010) fließt bei den Herren Auerbach und Carney endlich das dicke Geld. Sie haben es sich verdient. Sie mussten schließlich fünf ausnahmslos großartige Alben aufnehmen, bevor der kommerzielle Durchbruch kam. Wie kann man es ihnen dann verübeln, wenn sie mit El Camino einen weiteren Schritt in Richtung Pop, Disko und Kommerz gehen? Gute Blues-Bands gibt es wie Sand am Meer, da braucht man den Black Keys nicht nachtrauern, wenn sie ihren alten Stil vernachlässigen und wohl vorerst auch nicht dorthin zurückfinden werden. Gute Disko-Bands gibt es allerdings kaum noch. Wenn mich die 2,0 Promille auf der Richterskala mal wieder dazu verleiten, das Tanzbein zu schwingen, dann bin ich ziemlich schnell angeödet, denn irgendwie scheint seit fünf Jahren in den von mir frequentierten Clubs die selbe Mucke zu laufen. Langweilig, kann ich nicht mehr hören, ab an die Theke. Umso schöner ist es, dass mit Songs wie Lonely Boy und Gold On The Ceiling endlich wieder Granaten in den Clubs laufen!!!

http://www.theblackkeys.com/

 Platz 1: The Kills – Blood Pressures

Trotz Jamie Hinces Hochzeit mit Kate Moss, trotz Alison Mossharts Fremdgeherei mit The Dead Weather: Sie sind nach drei Jahren zurück und mit was für einer Platte! Dabei konnte ich mich zuerst gar nicht mit Blood Pressures anfreunden. Das vierte Album der Kills schien anfangs eine dieser Scheiben zu sein, auf der alles gleich klingt. Und vielleicht klingt auch alles gleich oder zumindest die meisten Songs. Kräftige Drums, schmutzige Gitarren, erotischer Gesang und nicht minder anziehende Texte. Alison Mosshart und Jamie Hince lassen es auf hohem Niveau krachen und das von Beginn an. Future Starts Slow, DNA, Sattelite, Heart Is A Beating Drum, Baby Says … eine Granate nach der Anderen. Da wirkt die Piano-Ballade The Last Goodbye wie ein Fremdkörper. Auch die Aufmachung der LP ist so liebevoll gestaltet, wie die keines anderes Albums in 2011. Gatefold, tolle Fotografien und Collagen und alles in Eigenarbeit gestaltet. Album des Jahres.

 http://www.thekills.tv/

Weitere wundervolle Alben:

Tyler The Creator – Goblin

Graveyard – Hisingen Blues

Thurston Moore – Demolished Thoughts

The Brew – The Third Floor

Cass McCombs – Humor Risk

Wilco – The Whole Love

Tommy Stinson – One Man Mutiny

Tom Waits – Bad As Me

Kasabian – Velociraptor

IAMX – Volatile Times

Cloud Control – Bliss Release

Mogwai – Hardcore Will Never Die, But You Will

Feist – Metals

PJ Harvey – Let England Shake

Dillon – This Silence Kills

The Decemberists – The King Is Dead

/em

5 thoughts on “Tidls Top Five Alben 2011”

  1. lizrain says:

    Ick liebe NO. 3. und ick kanns kaum erwarten bis da was auf Vinyl raus kommt. ansonsten würde wohl Ick mir gern nochmal die Kills Platte anhören wollen. Hätte evtl. eher die cloud control rein genommen als vaccines o. wild flag, kenne aber die alben nicht gut genug.
    “Glass Tambourine”…finde ich nicht so stark.

    NO.3 !

  2. Ulrich Borowka says:

    Danke für die Tipps!!!

    Meine Top 5:

    1. Graveyard
    2. The Brew
    3. Rival Sons
    4. Sebastian Bach
    5. Beastie Boys

  3. Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg says:

    Ich muss gestehen, dass mir die Mehrzahl der oben genannten Künstler doch sehr fremd ist. Vielleicht liegt es daran, dass es ein für mich und meine Familie sehr turbulentes Jahr war und wir nun gemeinsam in unserem amerikanischen Exil weniger Radio hören, sondern uns mehrheitlich auf das Lesen einer Gutenachtlektüre beschränken, denn das fördert den Geist. Sollte mir dennoch erlaubt sein anzumerken, dass ein Album in der Liste fehlt, so ist es die neue Langspielplatte von Peter Maffay, auf der er namenhafte deutsche Musiker dabei hat. So zum Beispiel die ehemaligen Rüpelrapper Sido und Bushido, die aber durch ein mediales Rehabilitierungsprogramm und diverse Lobigungen bei unterschiedlichsten Fernseh-und Rundfunkauszeichnungen zu den Guten gehören. Das fehlt wirklich.

  4. Tidl says:

    Kein Platz dafür! :)

  5. Axl Buchannon says:

    Vermisse die Rival Sons – Pressure and Time

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