The Underground Youth-Selbst die kleinste Anerkennung ist der Muehe wert

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Anfang Dezember bin ich auf meiner unendlichen Suche nach guter Musik auf einen Youtube-Clip aufmerksam geworden, weil offensichtlich Videomaterial von Jim Jarmuschs Debütfilm Permanent Vacation (1980) verwendet wurde. Chris Parker alias Allie tanzt in einem heruntergekommen Zimmer irgendwo im Manhattan der frühen Achtziger zum John Luries Saxophonspiel. Eine Mädchen im weißen Kleid sitzt am Fenster, raucht, schaut nach draußen auf die Straße. Jarumusch nimmt sich einfach die Zeit, seinen Helden zwei Minuten lang tanzen zu lassen. Pures Independent-Kino und obendrein eines der am schönsten photographierten Szenen in Jarmuschs Karriere. Für den Clip wurde Luries Jazz gegen den Song Morning Sun von The Underground Youth eingetauscht und ich sah ganz danach aus, als handle es sich um einen typischen Fan-Made-Clip. Jedenfalls war ich von der Musik sofort gefesselt. Eine Mischung aus The Velvet Underground, The Jesus And The Mary Chain, a little bit of Bob Dylan, ganz viel The XX und dem zeigenössischen Psychedelic-Sound a la Black Angels. Ich schmiss die Suchmaschine an. Myspace, Facebook, Soundcloud, Bandcamp … die üblichen Verdächtigen. Ansonsten: So gut wie gar nichts. Kaum Fotos. Nur spärliche Informationen. Nachdem ich mir bei Youtube weitere Songs anghört hatte, konnte ich nicht glauben, dass es nichts über die Band in Erfahrung zu bringen gibt, denn laut Myspace müsste es mittlerweile fünf Alben geben. Amazon, JPC, Simfy, Discogs … keiner hat etwas gelistet. Ich musste davon ausgehen, es mit Totalverweigerern zu tun zu haben. Doch dann habe ich die Band über Facebook kontaktiert und innerhalb einer halben Stunde eine Antwort bekommen. Craig Dyer, der kreative Kopf der Underground Youth war sofort bereit, mit uns ein Interview zu führen und dabei zu helfen, „das Mysterium aufzuklären“.

The Underground Youth kommt aus Manchester und wurde 2009 von Craig Dyer gegründet. Nachdem er seine ersten beiden Psychedelic-Lo-Fi- Alben Alben Morally Barren und Voltage (beide 2009) aufgenommen und gratis im Internet angeboten hatte, folgten einige Live-Auftritte mit einer von ihm zusammengestellten Band. 2010 folgten mit Mademoiselle und Sadovaya, zwei weitere Alben, die ebenfalls kostenlos im Internet zu ziehen waren. Beide Alben begründen den Underground Youth-Sound. Dyer verzichtet komplett auf Refrains und lässt lieber die Gitarre erzählen. Die Drums bewegen sich irgendwo krachend im Hintergrund, seine Stimme bleibt beim Gros der Songs lo-fi. Die Texte handeln von Sehnsucht, von der großen Liebe, die er auf Sadovaya schließlich gefunden zu haben scheint. Das nach der Prachtstraße der ehemaligen russischen Hauptstadt St. Petersburg benannte Album ist eine Spur psychedelischer als sein Vorgänger. Eine Entwicklung, die auf Delirium (2011) ihren Höhepunkt findet. Um an seinem Sound zu feilen nahm sich Dyer 2010 eine Live-Auszeit. „I wollte erst einmal nicht mehr auftreten, sondern neues Material schreiben und aufnehmen“, erklärt er. Delirium ist das bereits fünfte Album. Es ist das erste Album, das kostenpflichtig über die eigene Bandcamp-Seite zum Download zur Verfügung steht. Außerhalb des Netzes gibt es allerdings noch immer keine Platten zu kaufen. Auf die Frage, ob ein Konzept hinter der mysteriösen Öffentlichkeitsarbeit stecke muss Dyer lachen und dementiert. „Es gibt kein entsprechendes Konzept, es hat sich einfach ergeben.“ Kürzlich habe er sich mit dem Indie-Label Flower Power Records zusammengetan und hoffe nun, dass dadurch auch das Profil der Band ein wenig zugänglicher wird. Flower Power Records ist ein englisches Independet-Label, das sich zur Aufgabe gemacht habt, junge britische Psychedelic-Bands zu fördern. Momentan haben sie neben der Underground Youth noch Black Market Karma und die Dead Rabbits am Start. Und dann wird man bald endlich bei Herrn Zoff Platten von The Underground Youth kaufen können? „Ich hoffe, dass wir demnächst ein Vinyl-Release bekanntgeben können und dass alle künftigen Veröffentlichungen ebenfalls auf Platte raus kommen werden.“ Momentan arbeite man an einer Retrospektive der besten Songs, die im Frühjahr erscheinen soll. Welche Songs auf der Platte landen werden, will Dyer nicht verraten. Auf spezielle musikalische Vorbilder will er auch nicht eingehen. Er nennt keine Namen, sagt, dass sein Sound häufig die Interpretation der Musik sei, die er liebe. „Ich behaupte nicht, dass meine Musik original ist. Mal schnappe ich mir meine Einflüsse und bewege sie an einen anderen Ort. Ein anderes Mal lass ich sie auch genau an jenem Ort wo ich sie vorfinde.“ Der oben erwähnte Youtube-Clip wurde übrigens von Dyer selbst hochgeladen. Und Jim Jarmusch ist nicht der Einzige, der ins Profil von The Underground Youth eingeflossen ist. Das Cover von Mademoiselle ziert die dänische Schauspielerin Anna Karina, die als Godard-Muse in den Sechzigern weltweit Bekanntheit erlangte. Für das Video zu I Need You wurde eine Szene aus Wong Kar-Wais Chungking Express (1994) verwendet und für The Rules Of Attraction Bilder aus Warhols 1965er Sci-Fi-Film Vinyl. Die Band bedient sich bei ihren Idolen und Einflüssen. „Ich sehe The Underground Youth als ein großes Ganzes. Dieses Ganze besteht aus der Musik, aus dem Artwork, den Bildern, den Clips und Fotos, mit denen wir uns verbunden fühlen, egal ob es von uns ist, oder wir es uns nehmen. Doch an erster Stelle steht die Musik und alles andere ist dazu da, dieses Bild, das beim Hören unserer Musik entsteht, noch mehr hervorzuheben und den Leuten zu vermitteln, was wir damit in Verbindung bringen.“ Weitere Clips wurden von Dyer und Freunden selbst produziert. Im Video zu Mademoiselle räkelt sich ein bildhübsches Mädchen in einem hautengen Kleid fünf Minuten lang auf einem schäbigen Sofa, streichelt sich und stöhnt. Das Video zu Midnight Lust ist nicht weniger sexy. Die Silhouette eines Mädchen tanzt vor einem Fenster und wird von einer verwackelten, pixeligen Kamera aufgenommen. Ebenso so einfach, wie die Videos produziert werden, ist auch die Aufnahmetechnik der Alben. Alle fünf Alben wurden mit einfachster Home-Recording-Technik aufgenommen. Der Sound ist dafür recht klar und ist nicht in Verbindung zu bringen, mit dem üblichen Demo-Sound, den man von Amateurbands kennt.

Momentan sucht Dyer nach neuen Live-Musikern, um im Frühjahr 2012 erste Gigs im Vereinigten Königreich zu spielen. Doch wo nimmt er die Energie her, fünf astreine Alben in Eigenarbeit zu produzieren, obwohl bislang die große Aufmerksamkeit ausblieb, obwohl bis vor kurzem kaum jemand überhaupt davon Kenntnis genommen zu haben scheint? Dyer geht es nur um die Musik und weniger um die Bestätigung. „Ich liebe es Musik zu machen und selbst die kleinste Anerkennung ist der Mühe wert.“
Er hofft, dass 2012 das große Jahr für The Underground Youth wird. Wir drücken ihm dafür alle Daumen!

 

Myspace

Facebook

Bandcamp

Soundcloud

Flower Power Records

4 thoughts on “The Underground Youth-Selbst die kleinste Anerkennung ist der Muehe wert”

  1. Carina says:

    Die würde ich auch gerne mal sehen. Vinyl! Vinyl! Vinyl!

  2. Roger says:

    Sind Konzerte in Deutschland geplant?

  3. Christian Wulff says:

    Stünde es in meiner Macht, würde ich diesen Artikel verbieten!

  4. J.D. says:

    Ich muss sagen: Die Musik gefällt mir sehr gut. Bin neugierig geworden.
    Hoffentlich spielen die mal live in Berlin!

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