Leonard Cohen-Old Ideas-Gegenstandpunkt

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Es gibt Alben, die polarisieren. Auch über Old Ideas wurde am Redaktionstisch der Eleventh Street Kidz heftigst diskutiert. Da wir zu keiner Einigung gekommen sind, hier nun mein Gegenstandpunkt zu Daisys Review von gestern.
Schon als ich mir die Platte besorgt habe, hätte ich vorgewarnt sein können. Mein Händler versuchte mich noch mit den Worten „Das ist doch Musik für alte Leute“ vom Kauf abzuhalten. „Der mag auch die Scorpions“, dachte ich, „was weiß der schon.“ Aber diesmal sollte er Recht behalten.
Zuerst einmal: Cohens Texte sind nach wie vor grandios. „We find ourselves on different sides / Of a line nobody drew / Though it all may be one in the higher eye / Down here where we live it is two“, so einige Zeilen auf Old Ideas. Er besingt zwar seit 40 Jahren die selben Themen, aber das lyrisch so schön verarbeitet, dass einem die Texte weiterhin ans Herz gehen. Sie werden von ihm mit seiner alten, verrauchten Stimme zwar mehr rezitiert als gesungen, aber das ist auch vollkommen passend. Auch die Songs an sich haben Klasse, sehr laid back und größtenteils schön arrangiert.

Der Grund, warum diese LP wohl nie wieder den Weg auf meinen Plattenspieler finden wird: Fast jeder Song wird mit Streicher-Arrangements und Frauengesang ins unsagbar Kitschige gezogen. Zwar hatte Cohen auch auf seinen frühen Alben schon solche Elemente eingebaut, aber wesentlich spärlicher und geschmackvoller (als Beispiel sei Diamonds in the Mine vom ’71er-Album Songs of Love and Hate erwähnt). Man höre sich nur einmal die erste Minute von Come Healing an. Nach einem Geigenintro wird die komplette erste Strophe von einer Gruppe stimmlich charakterloser Trullas gesungen. Ich hatte Angst, dass der Kitsch aus diesem Song meinen Tonabnehmer verschleimt. Und so wird nahezu jeder eigentlich hervorragende Song auf Old Ideas zur Qual. Gut dass ich ein bisschen darauf vorbereitet war, denn seine vorherigen Alben gingen schon in eine ähnliche Richtung. Nur meine Hoffnung auf Besserung wurde bitter enttäuscht.
Ansonsten ist die LP schön aufgemacht: Stilvolles Cover, großes Booklet, CD anbei und sauber gepresstes Vinyl. Eigentlich zu schön, um nur zwischen Led Zeppelin und Little Richard im Schrank zu stehen. Aber wie es Albert Fichter in seiner Musiksendung Riff Raff so treffend formulierte: „Wenn ich selbst 77 Jahre alt bin, wird mir diese Platte vielleicht zusagen. Bis dahin hör ich Tom Waits.“

Hier einmal der Link zum Stream des gesamten Albums, bildet Euch Eure eigene Meinung!

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