Leonard Cohen-Old Ideas

header_cohen

Als Tidl vor ein paar Monaten das neue Tom-Waits-Album besprochen hat, fiel das Wort „Gottscheibe“, eine Bezeichnung, die auch ganz gut auf das neue Album von Leonard Cohen zutrifft. Zum einen hat Cohen in der Musikwelt schon so etwas wie Gottstatus, zum anderen ist Religion ein Thema, das auf seinem neuesten Werk wieder sehr präsent ist. Cohen wird auf weiten Teilen des Albums von einem engelhaften Frauenchor unterstützt, sodass man sich mitunter wie in einer Kirche fühlt, wenn nicht gleich wie im Himmel. Noch ist es aber nicht soweit, noch wartet Cohen auf seine Erlösung. Wie singt er im bewegenden Come Healing: Oh, solitude of longing/where love has been confined/come healing of the body/come healing of the mind. Old Ideas ist kein fröhliches Album. Depression, Einsamkeit, Sterblichkeit, das sind die Themen, mit denen er sich beschäftigt. Nicht unbedingt alte Ideen, aber altbekannte Sujets in Cohens Werk. Im Selbstmitleid versinkt er jedoch nicht, er bewahrt sich immer eine gewisse Abgeklärtheit, eine spöttische Distanz. Im Opener Going Home betrachtet er sich gar von außen: I love to speak with Leonard/he’s a sportsman and a shepherd/he’s a lazy bastard living in a suit. Über Cohens Poesie muss man eigentlich nicht viel sagen, außer dass sie so wunderbar wie eh und je ist. Manchmal ist sie leicht zu erschließen, manchmal ist sie rätselhaft, auf jeden Fall lohnt es sich, genau hinzuhören. Mir gefällt besonders The Darkness, wo er die Dunkelheit als ein Gift beschreibt: I caught the darkness drinking from your cup/I said is this contagious/You said just drink it up.

Die Musik ist ebenfalls sehr ansprechend. Cohens Stimme ist brüchig, fast ein Flüstern, der größtmögliche Kontrast zu den himmlischen Backgroundsängerinnen. Alles ist sehr reduziert: Es gibt zwar eine ganz gute Bandbreite an Instrumenten, aber sie treten eher selten gemeinsam auf. Mal hört man eine Trompete, mal eine Geige, mal eine Mundharmonika. Ansonsten sind Akustikgitarre und Keyboard die bevorzugten Begleitinstrumente. Eine gute Entscheidung, denn so glänzen Cohens Texte besonders. Jeder Song ist ein Treffer: Sei es Banjo mit seinem leicht schrägen Trompeten-Intermezzo, Anyhow mit dem Bar-Piano und der Katerstimmung, oder Crazy to Love You, das an das brillante Frühwerk erinnert. Nicht zu vergessen das gebetartige Show Me the Place, wohl einer der schönsten Songs, die Cohen je geschrieben hat. In gewisser Weise erinnert Old Ideas an Dylans Time out of Mind: Es ist düster, es ist prägnant, es ist grandios. Und es lässt einen aufrichtig hoffen, dass dies nicht das Ende ist.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>