Adam Donen-Vampires

Adam Donen large

Hinter einer Fassade aus klar strukturierten Melodien und interessanten, doch eingängigen Arrangements verbirgt sich ein lyrisches Monstrum, an dem ich einige Federn ließ, ohne es vollends begreifen zu können.
Unter dem Deckmantel Folk kommt Vampires musikalisch vielseitig, dennoch harmonisch rüber. Die Arrangements erinnern stark an das aktuelle Leonard Cohen-Album Old Ideas ohne jedoch ins „unsagbar Kitschige“ gezogen zu werden, wie sich Mr. Kerridge in seiner Cohen-Rezension passend äußert. Vampires fährt ein Orchester auf, klingt aber nur selten überladen-orchestral, vorwiegend nach stimmiger Kammermusik. Mal fröhlich-verträumt wie And There Will Come A Time, mal fast schon apokalyptisch-düster, wie The Circle Game Again.
Donen, der 26-jährige in London lebende Südafrikaner hat das Album im Alleingang geschrieben, arrangiert und produziert. Er selbst spielt auf allen Songs die Gitarre, er spielt Mundharmonika und auch die Percussions sind von ihm eingespielt. Die meisten Songs werden untermalt vom wunderschönen Sopran Sophie Junckers, Siegerin des Londoner Händel-Festivals 2010. Für den Mix und das Mastering war Robert Harder zuständig, der schon mit Kyle Minogue, Brian Eno und den Babyshambles zusammengearbeitet hat. Den symphonischen Höhepunkt feiert Vampires mit Sickle Moon, einem fast sechsminütigen Stück, der dem Orchester alles abverlangt, was es zu bieten hat.
Bereits mit dem grandiosen Opener Sophia lässt die Musik die Augen schließen und man taucht in eine traumhafte Klangwelt ein. Ganz im Gegensatz zu den Lyrics, die äußerst schwer fassbar sind. Donen hat keine Scheu vor Bedeutungsschwere und häufig fragt man sich, ob die Eloquenz nicht schon an eine Hybris grenzt. Der enorm hohe Symbolismus seiner Texte versperrt ihm den Weg Geschichten zu erzählen und es fällt schwer, in seine wirkliche Gefühlswelt einzudringen. Es stellt sich zwangsläufig die Frage, ob er sich nicht hinter seiner Sprachgewandtheit versteckt. Auf der anderen Seite ist die Auseinandersetzung mit seinen Texten eine wahre Freude. Live scheut Donen sich nicht, Rilke zu rezitieren … und zwar auf Deutsch. Auch in seinen Songs finden sich immer wieder Anspielungen auf seine Vorbilder Büchner, Hemingway und Ingmar Bergman: And there will come a time / gold has no more store / and we ask not for whom the bell tolls / for there will be no bell to toll / the very ocean will turn to gold / and the old bitterness will turn to ash / bot grey and invisible: our present and our past / since you asked / There will come a time.
Ich könnte ewig damit fortfahren, Textzeilen zu zitieren, denn eine ist großartiger als die andere. Sie handeln von der verlorenen Liebe, trauern ein wenig dem Gestern hinterher, verachten das Heute und sehnen sich erwartungsvoll nach dem Morgen. Es sind seine zeitlosen Vorbilder, die den Stoff für seine Gedanken und Zeilen bieten, deren Themen ihn ständig begleiten und die sich schließlich in seinen Texten wiederfinden. Selten so eindeutig, wie in der oben genannten Hemingway-Hommage in And There Will Come A Time. Es sind Themen, die heute nicht häufig in modernen Songs behandelt werden: Das menschliche Dasein in einer gottlosen Welt, bedeutungslos und von Leid geprägt; das Gefängnis der eigenen Gedanken, die sich niemals vollends anderen Menschen offenbaren lassen; der Glaube nicht etwa aus Liebe und Überzeugung, sondern aus der Angst vor den Konsequenzen der Ungläubigkeit.
Sobald man sich auf die Themen und Donens charismatische Darbietung eingelassen hat, kauft man ihm die Echtheit des Werkes ab. Und trotz seiner scheinbaren Verweigerungshaltung gegenüber modernen Strömungen, kommt er zu keinem Zeitpunkt reaktionär rüber, sondern authentischer, als vieles von dem, was ich sonst höre. Während viele Musiker ihre individuellen Identitätskrisen und die große gesellschaftliche Scheiße unserer Tage allenfalls mit Humor schlucken und krampfhaft zu verarbeiten versuchen, bleibt Adam Donen in seinen Texten und in seiner Präsenz stets ehrlich und da sei ihm auch der hier und da aufkommende Pathos seiner Worte verziehen. Vampires ist in seiner Tiefe eine intellektuelle Herausforderung, doch die gelassenen Federn, von denen ich eingangs gesprochen habe, sind es wert.
Im April und Mai sind weitere Konzerte in Deutschland geplant. Ob er dieses Mal sein eigenes Orchester mitbringt, oder ob er wie im Februar diesen Jahres wieder auf den Musikleistungskurs des Alten Gymnasiums in Bremen zurückgreift, ist leider noch unbekannt.
Aktuell arbeitet Donen gemeinsam mit Roger O’Donnell, dem Keyboarder von The Cure, an einem Requiem, das im April von einem Orchester in der Londoner Shoreditch Church aufgeführt wird.

Nächste Woche könnt ihr bei den Eleventh Street Kidz ein Interview mit Donen lesen und seid euch jetzt schon sicher: Der Mann hat was zu sagen!

Vampires, VÖ: 4.5.2012; Label: Songs & Whispers

Anspieltipps: Sophia, And There Will Come A Time, Sickle Moon

Offizielle Homepage

 

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