Lee Ranaldo-Between The Times And The Tides

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Sonic Youth ist tot. Zumindest vorübergehend. Das bedeutet aber nicht, dass die Mitglieder untätig sind. Während Thurston Moore weiterhin fleißig mit seiner Demolished Thoughts-Platte tourt und Steve Shelley im Februar mit den Disappears ein Album veröffentlicht hat, kommt diesen Freitag das neunte Soloalbum von Lee Ranaldo raus. Between The Times And The Tides ist Ranaldos erstes nicht reines Instrumentalalbum.
Ranaldo hatte auf den Sonic Youth-Alben häufig das Nachsehen und musste sich mit eins, zwei Songs zufrieden geben, während Moore und Gordon den Gesang dominierten. Das war immer schade und man wünschte sich mehr Songs à la Pipeline/Kill Time (Sister, 1987) oder Karen Koltrane (A Thousand Leaves, 1998), denn Ranaldos Songs gehörten stets zu den Highlights.
Between The Times And The Tides ist nicht so verspielt, wie man es von Ranaldo gewohnt ist. Seine Qualitäten als Leadgitarrist bleiben weitestgehend im Verborgenen, denn die Platte ist ein typisches Singer/Songwriter-Werk. Ranaldos fokussiert die Rhythmusgitarre und überlässt die Lead Wilcos Nels Cline, dessen Sound sich dem von Ranaldo gekonnt anpasst und sogar dafür Sorgt, dass hin und wieder Sonic Youth-Atmophäre aufkommt.
Der Opener Waiting On A Dream kommt mit einem Paint It Black‘schen Riff daher, bevor Ranaldo den Hörer auf eine bilderreiche Fahrt auf den amerikanischen Highways katapultiert. Die Drums von Stammbandkollegen Steve Shelley puschen den Song nochmal ordentlich nach vorne. Neben Shelley und Cline wirken zudem die früheren Sonic Youth-Musiker Bob Bert und Jim O’Rouke auf der Platte mit.
Noise und No-Wave finden fast nicht statt. Längere Instrumentalparts sind spärlich gesät. Das anfangs verträumte und später bedrückende Xtina As I Knew Her sei hier zu nennen. Und auch die komplexe Grunge-Nummer Fire Island (Phases), ein Flickwerk aus mindestens drei Songs bietet über Strecken einen interessanten verzerrten Sound und zwei großartige Soli und zollt Neil Youngs Spät-Achtziger-/Früh-Neunziger-Sound Tribut, vergisst aber nicht, ihm ein frisches Antlitz zu verpasst.
Ranaldos Ehefrau Leah Singer spricht im wirren Mittelpart von Shout einen stream of consciousness und führt uns damit doch noch zurück zu den ausgeflippten Momenten von Evol (1986) und Sister.
Seine Früheren Alben waren irgendwo zwischen Avantgarde und Zumutung angesiedelt. In Anbetracht dessen kommen die meisten Songs auf Between The Times And The Tides souverän strukturiert und damit auch sehr konservativ rüber. Ein schmaler Grad zwischen Heraufbeschwörung alter Alternative-Geister und altersweiser, unvergänglicher Rockmusik, die über weite Strecken nach vorne zu preschen vermag. Schade eigentlich, dass Lee Ranaldo nicht schon eher ein Singer/Songwriter-Album aufgenommen hat, denn nie zuvor konnte man ihn in dieser Fülle so intim erleben. Ähnlich wie auf Thurston Moores aktueller Platte Demolished Thoughts (2011) bietet auch Between The Times and The Tides einige großartige Stücke, die (fast) ganz ohne Noise auskommen und doch ihren individuellen Wiederekennungswert besitzen.

Between The Times And The Tides, VÖ: 16.3.2012; Label: Matador

Anspieltipps: Waiting On A Dream, Off The Wall, Fire Island (Phases)

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