Randy Newman-Live at Jahrhunderthalle Bochum-18.03.2012

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Mit dem Jayhawks-Konzert in Köln hatte sich ja schon ein großer Traum für mich erfüllt, noch größer war jedoch meine Überraschung, als ich erfuhr, dass der unvergleichliche Randy Newman auf Deutschland-Tour geht und nur zwei Tage nach den Jayhawks der Jahrhunderthalle Bochum einen Besuch abstatten würde. Ich glaube kaum, dass ich jemandem klar machen kann, was Randy Newman mir bedeutet. Abgesehen von Bob Dylan gibt es keinen Musiker, den ich mehr verehre. Randy ist nicht nur ein großartiger Komponist, sondern auch der wahrscheinlich witzigste Mensch der Welt. Niemand kann so tief sarkastische, bitterböse Texte schreiben und sie in so beschwingte, geradezu gershwineske Melodien verpacken. Was nicht bedeutet, dass er nicht auch im ernsten Fach zu Hause ist, im Gegenteil. Und dann ist da natürlich noch seine Filmmusik, für die er in erster Linie berühmt ist, vielleicht ein bisschen zu Unrecht. Ich hatte es schon fast abgeschrieben, den guten, alten Randy noch einmal live zu sehen, schließlich ist er mit seinen 68 Jahren auch nicht mehr der Jüngste und so weit ich weiß spielt er sowieso nicht gerne vor Publikum. Von daher war ich schon erstaunt zu erfahren, dass er in diesem Jahr auf eine recht umfangreiche Deutschlandtour geht. Der einzige Termin in Westdeutschland war überraschenderweise in Bochum, was mir sehr gelegen kam.

Mir war natürlich klar, warum ich da in der (ziemlich schönen) Jahrhunderthalle saß, trotzdem war ich so überrascht und überwältigt, als Randy Newman um kurz nach acht die Bühne betrat. Er war noch kleiner als ich ihn mir vorgestellt hatte und auch sein Alter war ihm anzusehen. Seine Finger sind jedoch so flink wie eh und je; im Vergleich zu den Studioaufnahmen hatte er das Tempo sogar noch einmal angezogen. Dazu kommt natürlich seine einzigartige Knödelstimme, die jemand mal sehr passend als „Amerikas Schluckauf“ bezeichnet hat. Den Auftakt machte Lover’s Prayer, in dem der Protagonist um eine Partnerin bittet, nicht ohne eine ganze Reihe an Bedingungen nachzuschieben, gefolgt vom bezaubernden Jolly Coppers on Parade. Wie auch die Jayhawks konzentrierte sich Newman nicht auf sein letztes Album Harps & Angels (dessen Veröffentlichung mittlerweile auch schon fast vier Jahre zurückliegt) sondern präsentierte Songs von so ziemlich allen Alben aus seiner über vierzigjährigen Karriere. Ein erster Höhepunkt war Bad News From Home von seinem autobiographischsten Album Land of Dreams, das live sogar noch dunkler und intimer klang, inklusive der finalen Killerzeile „You said you loved me but I know you lied“.

Zwischen den Songs redete Newman gar nicht so viel, wie ich erwartet hatte, was bei seinem schwarzen Humor fast ein bisschen schade war. Er erwähnte unter anderem, wie toll er die Location fand, nur um daraufhin Mama Told Me Not to Come zu spielen. Trotzdem glaube ich, dass er es nicht nur aus Höflichkeit gesagt hat. Da seine erste Frau aus Duisburg stammt, kennt er das Ruhrgebiet wahrscheinlich auch recht gut. Seine langjährige Beziehung zu Pixar kam natürlich ebenfalls zur Sprache. Für die hatte er einen seiner bekanntesten Songs geschrieben: You’ve Got a Friend in Me, den er auch an diesem Abend spielte. Das Publikum durfte auch gelegentlich mitmachen, unter anderem bei I’m Dead (But I Don’t Know It), das von Rockstars handelt, die einfach nicht wissen wann Schluss ist. Newman spottet: „Alle die 1973 auf Tour waren sind es auch heute noch.“ Die Zuschauer warfen beim Refrain ihr „He’s dead! He’s dead!“ ein, gefolgt von „You’re dead!!!“ am Schluss, das leider nicht ganz so fies herauskam, wie Newman es sich erhofft hatte. Bei Rider in the Rain durfte das Publikum den Eagles-Ersatz machen, was etwas besser funktionierte.

Er spielte eine ganze Reihe meiner Lieblingssongs, z.B. Last Night I Had A Dream oder Losing You, der vielleicht traurigste Song aller Zeiten. Da er solo unterwegs war, musste er ein bisschen improvisieren, z.B. bei Red Bandana, wo er das Kirmesmusikintro auf dem Klavier nachahmte, oder Harps & Angels, bei dem er selbst den Engelchor gab, was sich natürlich nicht ganz so himmlisch anhörte. Besonders bewegend waren sein vielleicht bester Song In Germany Before The War, das von einem Kindermörder handelt und Louisiana 1927, das die große Mississippiflut zum Thema hat. In erster Linie gab es aber viel zu lachen, vor allem bei seinen besonders bösen Songs wie Sail Away, Political Science oder The Great Nations of Europe, in denen er so spaßige Themen wie Sklavenhandel, Atombomben und Imperialismus verarbeitet. Auch sein einziger Hit Short People gehört in diese Kategorie. In Deutschland wird er in letzter Zeit immer auf The World Isn’t Fair angesprochen, weil Karl Marx dort einen Auftritt hat, oder wie Randy sagt: „Ich wollte über die Einschulung meiner Kinder schreiben, aber damit es sich nicht so trivial anhört, habe ich die Gründe für das Scheitern des Marxismus mit eingebaut.“ Sehr gefreut habe ich mich auch über Dixie Flyer, das mir besonders viel bedeutet, weil dies der Song ist, bei dem ich mich in seine Musik verliebt habe.

Als Zugabe spielte er Rollin’, einen seiner kleineren Songs und, für mich der Höhepunkt, I Think It’s Going to Rain Today, seine Abrechnung mit einer Gesellschaft, der es an Empathie und Menschlichkeit mangelt. Es wird ja oft übersehen, dass Newman eigentlich ein großer Humanist ist. Nach gut zwei Stunden war leider alles vorbei. Er hätte natürlich noch mindestens weitere zwei Stunden mit Songs füllen können, für die die meisten Musiker einen Mord begehen würden, aber ich sehe ein, dass das wohl den Rahmen sprengt. Ihn endlich einmal persönlich zu erleben war auch so ein unvergessliches Ereignis. Ein perfektes, wenn man mal von dem Pärchen neben mir absieht, dass die ganze Zeit gequatscht hat. Ich werde wohl nie verstehen, wieso jemand 70 Euro für ein Ticket ausgibt nur um dann die ganze Zeit zu schnattern. Aber ich schweife ab. Was ich sagen will: Wenn ihr noch nicht alle Randy-Newman-Alben habt, holt das auf der Stelle nach! Randy ist ein Unikat und kenne kaum einen Künstler, der einen auf so viele verschiedene Arten begeistern kann. Einfach unvergleichlich.

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