Dr. John-Locked Down

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Schon das Cover ist überwältigend: Ein alter Mann mit ergrautem Bart, der eine wilde Maske aus Federn, Perlen und Bändern auf dem Kopf trägt. Es handelt sich um Dr. John alias Mac Rebennack, The Godfather of Voodoo Music, der wie kaum ein anderer für das reiche musikalische Erbe New Orleans’ steht. Nach dem eher durchwachsenen letzten Album Tribal holte sich der Doktor für sein neuestes Werk Dan Auerbach mit ins Boot. Ein Altersunterschied von fast 40 Jahren zwischen Künstler und Produzent, kann das funktionieren? Ja, es kann. Ausgesprochen gut sogar. Die beiden konzentrieren sich auf das, was Rebennack am besten kann: Eine Vielzahl musikalischer Genres zu einem ganz eigenen Sound verarbeiten. Locked Down ist eine wilde Mischung aus Blues, Funk, Swamp Rock, Jazz, Afrobeat, Soul und Gospel. Das ist überraschend stimmig und vor allem unfassbar gut.

Locked Down beginnt unscheinbar mit Vogelrufen und Hundegebell, doch dann setzt eine griffige Basslinie ein gefolgt vom packenden „Ha!“ des Backgroundchores, und schon ist man mittendrin in Dr. Johns Voodoozeremonie, die einen augenblicklich in ihren Bann zieht. Das ganze Album verfügt über einen Retrosound, der stark an die Musik der Sechziger und Siebziger erinnert. Revolution etwa beginnt mit einem funkigen Bläsersatz, während der Doktor wütend predigt: “Blind eyes of power, blind eyes of justice/dumb moves of money left us in a desperate hour.”, in Anspielung auf Katrina und die Ölpest im Golf von Mexico. Angeheizt wird Dr. Johns Ärger vom treibenden Schlagzeug, einem Elektroorgelsolo und dem höchst eingängigen Motiv des Baritonsaxophons. Das ist düster, dämonisch und unwiderstehlich. Jeder Song ist ein Volltreffer. Big Shot hat eine Coolness, die an Tom Waits erinnert; Ice Age paart afrikanische Trommeln und fette Orgelsounds mit Pessimismus und Hoffnunglosigkeit: “KKK, CIA all playin’ in the same… now you’re hanging at the end of a rope.“ Auerbachs Einfluss wird besonders auf Getaway spürbar, für das er ein monströs aufheulendes Solo beisteuert. Auf Eleggua beschwört Dr. John die Geister, während My Children, My Angels von der Bitte um Vergebung geprägt ist. Am Ende wartet die Erlösung: God’s Sure Good ist ein erhebender Gospelsong, versüßt mit dem beseelten Gesang der McCrary-Schwestern, der das Album doch noch auf einer positiven Note enden lässt. „God knows I’m okay.“

Locked Down ist ein facettenreiches, höchst infektiöses Album, das Endzeitvisionen mit einer Musik kombiniert, die so schwül und sexy ist wie zuletzt vielleicht der Soundtrack zu Shaft. In gewisser Weise erinnert es mich an You Are Not Alone von Mavis Staples. Auch Staples hatte ein wesentlich jüngerer Produzent, Jeff Tweedy von Wilco, zu einem zweiten Frühling verholfen. Locked Down beweist, dass das Mojo des 71-jährigen Rebennack noch immer intakt ist. Mit Auerbachs Hilfe ist ihm ein spätes Meisterwerk gelungen, das hoffentlich nicht ohne Fortsetzung bleibt.

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