Loudon Wainwright III-Older Than My Old Man Now

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Es scheint der Frühling der alten Männer zu sein: Nach Dr. John und Ray Wylie Hubbard hat nun auch Loudon Wainwright III ein großartiges neues Album aufgenommen. Bei ihm dreht sich aber auch tatsächlich alles um Altern: Older Than My Old Man Now heißt das Werk. Loudon Wainwright, Jr. starb mit 63 Jahren, sein Sohn ist mittlerweile 65 Jahre alt, also „older than my old man ever was“. Das lässt ihn über die große Themen des Lebens philosophieren: Liebe, Tod und alles was irgendwie dazu gehört. Das ist vor allem die Familie. Die nimmt seit jeher einen prominenten Status in Wainwrights Oeuvre ein, was Tochter Martha zu der Aussage verleitete, ihr Vater würde lieber Songs über seine Kinder schreiben als sich mit ihnen persönlich abzugeben. Sie wiederum widmete ihm ein Lied mit dem zärtlichen Titel Bloody Mother Fucking Asshole. Für Older Than My Old Man Now scheint man sich aber zumindest kurzfristig zusammengerauft zu haben: Auf dem Album haben nicht nur alle vier Wainwright-Sprösslinge einen Gastauftritt, auch die eine oder andere Ex-Frau ist mit von der Partie, so wie mehrere Musiker, die nicht mit LW3 verwandt sind.

Und selbst Loudon Jr. taucht auf, quasi als Geist der Vergangenheit. Auf dem Titeltrack und The Days That We Die liest der Sohn zwei seiner Essays (der Vater war Kolumnist für Life), die sehr gut zum Thema passen. Auf letzterem duettiert Wainwright mit Sohn Rufus, der ebenfalls gerade ein neues Album veröffentlicht hat, über das Dilemma familiärer Zwistigkeiten: „Why in this world can’t we get along? Each victory should be good news, but when I have to win you’re the one that’ll lose.” Ähnlich All in a Family: “No one wins in a family war” singen LW3 und Tochter Lucy Wainwright-Roche, und “What family is not insane?” Richtig traurig wird es bei Somebody Else, wenn er feststellen muss, dass mal wieder jemand, den er kennt, gestorben ist. Man fragt sich, ob Loudon dabei auch an seine erste Frau, die Folksängerin Kate McGarrigle gedacht hat, die vor zwei Jahren verstorben ist. Deren einziger gemeinsamer Song Over the Hill von 1975 ist übrigens auch auf dem Album vertreten.

Aber Wainwright wäre nicht Wainwright, wenn er nicht auch einige beißend komische Lieder im Programm hätte. Ghost Blues handelt vom Leben nach dem Tod („The day that I died I knew I was toast/the next day I was hanging out with Marley’s ghost”), in My Meds geht es um die Pillen, die man im Alter von seinem Arzt so reingedrückt bekommt: „If the side effects don’t kill me, my meds might save my life.” Die Krönung ist allerdings ein Song namens I Remember Sex, in dem LW3 mit Dame Edna Everage (alias Barry Humphries) über die unfreiwillige Enthaltsamkeit singt, die sich ab einem gewissen Alter einzuschleichen scheint: „I remember sex, I started on my own/when you and I stopped having it, I tried it on the phone/but that was so expensive!“ usw. Abgesehen von Randy Newman fällt mir niemand ein, der so unterhaltsame Songs über das Altern schreiben kann.  Auch wenn die Texte das Beste an dem Album sind, ist es auch musikalisch durchaus ansprechend – und abwechslungsreich. Insgesamt ist es leicht bluesig angehaucht, insbesondere beim Titelsong und The Here & The Now, aber es gibt auch hübsche Klavierballaden wie In C oder The Days That We Die, während das Piano bei My Meds eher ragtimeartig ausfällt. Date Line fasziniert vor allem durch die Bläser- und Akkordeon-Begleitung; die Ramblin’-Jack-Elliott-Kollaboration Double Lifetime hingegen ist ein waschechter Sixites-Folksong im Stil von Bob Dylan. Und mit Interlude gibt es sogar noch ein klassisches Instrumentalstück.

Nach seinem exquisiten Charlie Poole Project war ich mir nicht sicher, ob Wainwright noch einmal etwas ähnlich Gutes zustande bringt. Wie schön, dass ich mich getäuscht habe. Older Than My Old Man Now ist ein Album voller wunderbarer Songs, bei denen man oft nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Am besten ist wohl beides.

/em

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