Guns N’ Roses-Live in Gladbach 2012

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Ich hatte mir fest geschworen, nicht hinzufahren. Nachdem Axl Rose im April, wenige Tage vor seiner Aufnahme in die Rock ‘N’ Roll Hall Of Fame einen Mimosen-Brief an die Veranstalter in Cleveland, die Presse und seine Fans verfasst hatte und darin fragwürdige Argumente für sein Fernbleiben an der Zeremonie an den Tag brachte, war er mal wieder tot für mich. Axl und ich: Das ist eine äußerst komplizierte Liebesgeschichte. Innerhalb von 24 Stunden kann ich ihn hassen, lieben, verehren, ablehnen, zujubeln und ihn dann wieder auslachen. An solchen Tagen mache ich mich lustig darüber, wie er mit seinen fünfzig Jahren als Hulk Hogan des Hard Rocks immer noch denkt, er wäre der Größte, seine untrainierte Stimme dann aber in den Micky Maus-Modus verfällt, er abermals auf der Bühne ausrutscht und einen Bauchklatscher hinlegt und der Zuschauer Angst haben muss, dass sein aufgeklebter Bart gleich abfällt. Und dann lese ich wieder davon, wie er Journalisten und Securitas ausschimpft, wie er Models und Popsternchen flachlegt und nebenbei noch eine 3,5-Stunden-Show spielt und das Publikum dabei in Ekstase versetzt. Es ist wie mit der alten Liebe, die einen anlügt, wie Dreck behandelt und am Ende mit dem Nachbarn ins Bett steigt: Man kommt nicht los von ihr. Axl kann das größte Arschloch der Welt sein und ich verehre ihn noch dafür. Aber ich habe es auch nicht verdient, anders behandelt zu werden, denn zu oft habe ich mich von ihm losreißen wollen, immer wieder habe ich ihn in Stich gelassen und versucht mich für immer von ihm abzuwenden. Ich war nicht stark genug und das tat unserem angespannten Verhältnis nicht gut.
Dass Axl der Zeremonie in Cleveland fern gelbieben ist, war zu verkraften, denn die alten Gunner um Slash, Duff, Steven, Matt und Gilby Clarke haben einen tollen Job dort gemacht. Sie haben fabelhafte Reden gehalten und besonders Duffs Worte, es ginge nicht um Personalien, sondern um Musik, haben Eindruck gemacht. In jener Nacht im April konnte ich Axl nur bemitleiden, dass er sich die Chance verbaut hat, mit diesen großen Menschen und noch größeren Musikern ein vielleicht letztes Mal gemeinsam auf einer Bühne zu stehen. Statt Do It For The Kids gab es ein I’m Sorry For You.
Warum ist es mir dieses Mal wieder nicht gelungen Eier zu zeigen und auf das erste Konzert von Axls Band seit dem wirklich famosen Auftritt beim Rock Am Ring 2006 zu scheißen? Ebay trägt die Schuld. Statt knapp 60 Euro für ein Stehplatzticket habe ich drei Wochen vor dem Auftritt in Mönchengladbach ein Ticket für sagenhafte 20 Euro ergattern könne. Zum Vergleich: Die Vorgruppe Rival Sons nimmt 25 Euro für ein Solokonzert. Man sollte denken, dass bei solchen Preisen niemand widerstehen kann, besonders weil sich in meinem Bekanntenkreis einige GNR-Liebhaber befinden. Aber die sind alle stärker als ich. Die lassen sich nicht von Dumpingpreisen beirren, meinen, dass sie nicht einmal mehr für geschenkt ein Konzert von Axl besuchen würden. Slash und Myles Kennedy, das sind die wahren Guns N’ Roses. Wer kann es ihnen verübeln.
Es war einer dieser Küchenabende mit ganz viel Weizen und ganz viel Appetite For Destruction, an denen ich Greg dazu bringen konnte im Suff zwei Tickets für insgesamt 34 Euro zu ersteigern. Am nächsten Morgen, als er mir im Katzenjammer über den Weg lief, machte er mir bereits Vorwürfe.
„Naja, 17 Euro für die Rival Sons sind ja auch ein Schnäppchen.“
Nun hatten waren wir schon zu zweit, hatten aber drei Eintrittskarten und bis zum Reisebeginn fand sich kein dritter Trottel, der uns begleiten wollte.

In Duisburg gibt es die ersten Probleme. Mein Dosenbier ein leer. Der Bahnhofskiosk verkauft keinen Rancho-Tabak und im Ihr Platz geht mir eine Flasche Chantré in die Brüche. Die Kassiererin ist ein Profi und weiß mit mir umzugehen. Sie wischt die Scherben auf und hindert mich daran, den Weinbrand vom Boden aufzulecken. Ich kaufe eine neue Flasche und wir sind alle zufrieden. Der Bahnsteig ist voll mit Leuten in Guns N’ Roses-Shirts. Wir kommen ins Gespräch mit einem Typen aus dem Iran, der gerade durch Europa reist. Er kennt sich aus. Weiß davon, dass Izzy vergangene Woche in London mit auf der Bühne war.
„Meist du, dass Izzy heute auch wieder dabei ist?“
„Ich glaube nicht. Er wohnt in England. Das wird der Grund gewesen sein, warum er dabei war.“
Verdammt.
„Warum spielen die Guns nicht im Iran?“, frage ich ihn.
„Das wird wohl nie passieren.“
„Naja, du kannst sie dir ja im Juli in Tel Aviv anschauen. Ist ja nicht weit von deiner Heimat entfernt.“
Eine Auseinandersetzung über Einreisegenehmigungen iranischer Staatsbürger in das Heilige Land folgt. Seine Freundin hält sich aus allem raus. Wenigstens mögen sie Chantré.
Der Zug kommt. Wir sitzen neben einer Frau, die die Autobiographie des Dealer-Gottes Howard Marks liest. Ich frage sie, ob sie noch ein Ticket für die Show braucht.
„Mein Gott, ich habe Guns N’ Roses 1992 in Köln gesehen. Die Erinnerungen daran will ich mir nicht versauen.“
Ein Flaschensammler macht sich bereit für den großen Fang. Er sortiert seine blauen überdimensionalen Ikea-Tüten.
„Brauchst du noch ein Ticket? 17 Euro.“
„Lass mich in Ruhe, ich muss arbeiten“, keift er mich an.
„War ja nur ne Frage, Kumpel.“
„Aber weißt du was?“
„Was denn?“
„Du könntest mal schneller trinken, damit ich deine leere Colaflasche bekomme.“

In und um den Bahnhof in Mönchengladbach lungern massenweise GNR-Fans herum. Junge und Alte. Ich bin begeistert von der Vielzahl der alten Shirts, die die Jungs tragen. Ein paar echte Seltenheiten befinden sich darunter. Ich versuche jemanden das Civil War-Shirt für einen Zehner abzuschnacken, doch er kennt den Wert seines Hemdes. Der Sonderbus zum Hockeypark ist überfüllt. In den Kurven stoßen mich die Leute an. Mein Becher plörrt über. Shirt und Hose stinken nach Weinbrand. Obacht, ihr Trottel! Irgendwo im Nirgendwo steigen dann alle aus. Weiter hinten ist der Borussen-Park zu sehen. Der Hockeypark kann nicht mehr weit sein. In einer halben Stunde ist Einlass. Wir setzen uns auf den Boden und rauchen eine. Der Weinbrand muss leer werden. Ich zeige auf den Borussen-Park.
„Schau mal, Greg. Früher hätte die Band in so einem Stadion gespielt.“
„Jau.“
„Schon ein Unterschied.“
„Vielleicht nicht riesig…“
„…aber fein.“
„Was meinst du, wie viele Leute heute da sein werden?“
„Ich hab keine Ahnung.“
„Wollen wir weiter?“
„Wir haben noch Chantré.“
„Goldrichtig.“
Die Schlange am Stehplatz-Eingang kommt nicht voran. Der Einlass wurde nach hinten verschoben. Was wir noch nicht wissen: Axl steckt in Paris fest. Irgendwo zwischen Juwelenraub und Supermodels muss er seinen Flieger verpasst haben. Was wir auch nicht wissen: Der Grund für die Verzögerung am Einlass ist, dass der Veranstalter überlegt, das Konzert abzublasen. Der Hockeypark hat eine Sperrstunde und wenn die nicht eingehalten wird, kann es teuer werden. Doch ganz ehrlich: Wer holt sich denn Guns N’ Roses ins Haus, wenn es eine Sperrstunde gibt? Wir gehen rechts an der Schlange vorbei und versuchen unser drittes Ticket zu verhökern, als plötzlich jemand „Moin, Tidl“ sagt. In einem Tonfall, als treffe man sich allmorgendlich an der Bushaltestelle. Ich dreh mich um. Dort steht doch wirklich Gummi Willenbockel.
„Das gibt’s doch nicht! Gummi!“
„Moin, Tidl.“
„Hey, Greg. Schau mal her! Das hier ist Gummi Willenbockel, von dem habe ich dir schon so einige Geschichten erzählt.“
„Nenn mich bitte nicht Gummi Willenbockel. Entweder Gummi oder Willenbockel. Aber nicht beides.“
Gummi Willenbockel wohnte in meiner alten Nachbarschaft. Er ist zwei Jahre jünger als ich. Meine Eltern hatten mir verboten, Kontakt zu ihm und seinem älteren Bruder zu haben. Warum er Gummi heißt, weiß ich nicht genau. Vermutlich weil die Fassade seines Hauses aus Gummi bestand. Gummi und sein Bruder Willi Willenbockel wohnten dort zusammen mit ihrem Vater, ihrem Onkel und ihrer Oma. Die Geschichten, die sich dort abspielten, verbreiteten sich im ganzen Dorf. Die Brüder hatten eine ganze Etage nur für sich. Ich kann mich noch dran erinnern, wie ich zum ersten Mal bei den Willenbockels zu Hause war und die Toilette gesucht habe. Ich öffnete eine Tür und vom Wohnzimmer schallte es NEEEEEINNNNN! Ich wusste nicht, dass dieser Raum als Altglaslager genutzt wurde. Ich öffnete die Tür und wie in einem Film über eine Studenten-WG flogen mir die anderthalb Meter hoch gestapelten Schnapsflaschen entgegen und zerfielen zwischen meinen Füßen zu Scherben. Später irgendwann, als die Brüder dort ausziehen mussten, half ich Gummi dabei, die Flaschen zum Altglascontainer zu bringen. Es waren vierzehn Bollerwagen-Touren nötig, um das ehemalige Gäste-WC auszuräumen.
Jede Menge zwielichtiger Gestalten hielten sich tagein, tagaus bei den Willenbockels auf. Dealer, Kokser, Trinker und eben solch einsame Gestalten wie ich oder mein Kumpel Jörn, die nur dort waren, um Gesellschaft zu haben, ein paar Bongs zu rauchen und Tony Hawk zu spielen. Die Leute dort waren keine Freunde. Man konnte niemanden vertrauen. Wenn man im Rausch auf der Couch einschlief, dann war es nicht ungewöhnlich, wenn das Portemonnaie leergeräumt war. Ich weiß nicht genau, wie häufig die Polizei dort zu Besuch war, doch wenn man dort stoned im Wohnzimmer hockte, hatte man immer Angst, dass entweder die Bullen oder die Eltern vor der Tür stehen und einen mitnehmen. Es gab da dieses Mädchen. Sie hieß Janine oder Janina. Ihr Bruder hieß einfach nur Pimmel. Das Mädchen war dreizehn Jahre alt, von zu Hause abgehauen und fand bei den Willenbockels Unterschlupf. Im Kreisblatt war eine große Vermisstenanzeige gedruckt, doch wir hielten dicht. Zwei Wochen lebte sie dort, ehe die Polizei sie doch rausholte. Zwei Wochen ohne Dusche, ohne Zähneputzen, ohne Wechselwäsche, doch dafür hatte sie jeden Abend Sex. Irgendwie fühlte man sich dort wie bei den Goonies. Die Alten hatten nichts zu sagen.
„Gummi, was zum Teufel machst du hier?“
„Ich will aufs Konzert.“
Von den alten Geschichten will er nichts mehr hören. Kein Nostalgie. Er hat damit abgeschlossen. Sein Bruder sitzt im Knast. Er selbst war vor ein paar Jahren kurz davor in den Jugendknast zu kommen, nachdem er einen verfeindeten Dealer mit einem Baseballschläger fast totgeschlagen hätte. Heute hat er Arbeit und er sieht gut aus.
„Gummi, du bekommst schon graue Haare.“
„Halt die Schnauze.“
Die Schlange kommt in Bewegung. Running-Gag des Tages ist die Frage nach dem Slash-Shirt. Vor ein paar Tagen wurde in London ein Fan nicht in die Halle gelassen, weil er ein Shirt von Slash trug.
„Hey, Mr. Securita, haben Sie die Anweisung, Zuschauer mit Slash-Shirts den Einlass zu verweigern?“
„So ein Quatsch.“
Das wollte ich auch meinen. Wir sind ja schließlich nicht bei den Tommys.
Erstmal ein Bier holen und dann in den FOS-Bereich. Die Sonne scheint. Das Handy klingelt. Es ist ist Eric.
„Alter, wo bist du?“
„Sieben Meter von der Bühne. Mittig. Wo bist du?“
„Ich heb mal meinen Arm.“
In diesem Moment kommt DJ Ashba auf die Bühne, fehlgeleitet in der Hoffnung, sich die Gunst des Publikums zu erhaschen, in dem er Plektren in die Menge wirft. Alle heben die Arme.

Guns N’ Roses-Konzerte sind wie Familientreffen. Man trifft immer Leute, die man von Festivals, Fantreffen, aus dem Internetz oder eben aus der Nachbarschaft kennt. Wir sind bestimmt zwanzig Leute, von denen zwar nicht jeder jeden kennt, aber doch Verbindungen bestehen. Man nimmt sich in den Arm, tauscht sich aus, was in den letzten Jahren so lief, trinkt Bier zusammen. Das gibt es nur bei den Guns. Danach geht man wieder getrennte Wege, bleibt allemal sporadisch in Kontakt, doch irgendwann ist das nächste Konzert und die Freude ist wieder riesig.
Leider konnte ich die Rival Sons im November nicht in Hamburg erleben. Mit dem zweiten Album bin ich auf die Band gestoßen. Sie machen kein großes Geheimnis daraus, wer ihre musikalischen Vorbilder sind: Sabbath, Led Zeppelin, genau mein Ding. Sänger Jay Buchanan scheint mindestens genauso viel intus zu haben wie ich. Nur dass ich nicht mehr ganz so gut singen kann. Sie spielen viele Stücke vom famosen Pressure & Time. Selten so eine gute Vorgruppe gesehen und schon gar nicht bei GNR. Das Publikum nimmt sie zwiegespalten auf, aber was will man auch von Leuten erwarten, die Guns N’ Roses hören. Und auch wenn eine Eintrittskarte für die Rival Sons teurer ist, als für Axl: Die Band habe ich nicht zum letzten Mal gesehen.
Die Pause zwischen den Rival Sons und Axls Band ist vergleichsweise kurz. Pinkeln, Bier holen, ein bisschen Blödsinn reden „Hey, David, du bekommst auch schon graue Haare, was ist nur los mit euch?“ und nach einer guten Stunde hampelt auch schon DJ Ashba auf dem Podest herum und spielt das Riff von Chinese Democracy. Dann die selbe Prozedur wie immer: Jungle, Easy, Brownstone, Sorry, Rocket Queen und dann endlich Estranged. Natürlich ist es ein Wermutstropfen, einen Trottel wie Bumblefoot dieses einzigartige Solo spielen zu sehen, aber was soll’s? Während des ganzen Konzertes gebe ich mir Mühe, Ron Thal und DJ Aschenbecher auszublenden und nur auf die wirklich guten Leute zu achten. Richard wird von Tour zu Tour immer mehr Rock ‘N’ Roll. Und Tommy Stinson? Der scheint vor seinem Auftritt den ein oder anderen Chantré mit den Rival Sons gekippt zu haben. Ziemlich dienstlich, der Gute. Der Sound in diesem feinem Stadion ist heute Abend ausgezeichnet. Er ist so gut, dass man meinen möchte, Axl hätte wieder gelernt zu singen. Aber glaubt mir: Youtube-Clips beweisen, dass er es nach wie vor nicht sonderlich drauf hat. Das nächste Highlight ist Civil War. Unglaublich, wie das Publikum den Song feiert. Sogar Gummi Willenbockel, der ein paar Reihen vor mir steht, dreht sich plötzlich um, er hat diesen Wahnsinn in den Augen und brüllt mir zu, wie verdammt geil das Konzert ist. Es ist seine erste GNR-Show. Ja, Baby! Du hast vollkommen Recht. Axel ist gut gut drauf, Baby! Dann ein kleiner Downer: This I Love, Better, Shackler’s Revenge, Motivation von Tommy Stinson, und Street of Dreams in a row. Bei Dizzy Reeds Piano Solo vor Street of Dreams kann ich es mir nicht verkneifen lauthals „Verräter“ zu brüllen. Ihr wisst schon, dass ich das nicht so ernst meine, oder? Und dann kommt irgendwann auch noch November Rain. Gott, den Song kann doch kein Mensch mehr hören. Typische Bremen Eins-Musik. Pustekuchen! Zum Ende von November Rain fängt es plötzlich an zu nieseln und sogar Richard Fortus ist fassungslos. Und bei Don’ Cry setzt ein Sturzregen ein. Die Leute sind binnen Sekunden klitschnass und das ist klasse. Wir feiern das. Wir singen mit. Wir heben die Hände in die Luft. Wir lachen. Es ist magisch. Leider gibt es mit Paradise City nur eine Zugabe. Patience, Madagascar und Whole Lotta Rosie müssen der Sperrstunde zum Opfer fallen. Was danach passiert, haut sogar mich als Routinier um. Die Leute sind alle glücklich. Ihnen hat es gefallen. Arm in Arm gehen sie gen Ausgang und freuen sich, eine ordentliche Show von fast drei Stunden Spielzeit erlebt zu haben. Und ob sie nun 17 Euro oder den Normalpreis bezahlt haben: Es hat sich für sie gelohnt.

An der Bushaltestelle treffen wir die Jungs von Kickstart aus Bremen und plaudern ein wenig. Gummi verabschiedet sich von uns. Er will zu Fuß gehen.
„Zu Fuß nach Bremen?“
„Nein, zum Bahnhof.“
„Woher weißt du, wie man von hier zum Bahnhof kommt?“
„Ich weiß es einfach.“
Wir tauschen für alle Fälle die Nummern aus.
„Tschüss Gummi! Meld dich mal wieder!“
Der Bus ist überfüllt. Die Armen Leute, die plötzlich von einer Horde aufgeputschter Rocker überfallen werden wirken eingeschüchtert. Eric und Marc sind mit dem Auto da. Wir haben noch Mat dabei, den Moderator des LiveAndLetDie-Forums. Wir kaufen eine neue Flasche Chantré in einer Kioskbude und erzählen Mat von unserem Plan nach Düsseldorf zu fahren, weil wir mit 99-pozentiger Sicherheit wüssten, in welchem Hotel die Band nächtigt. Ja, wir sind Groupies. Mat muss sich die Zeit totschlagen, sein Zug fährt erst am nächsten Morgen. Wir trinken mit Eric und Marc noch einen Charly und verabschieden uns.
„Man sieht sich im Internetz!“

Im Zug nach Düsseldorf spreche ich die Leute an und versuche einen Schlafplatz für Mat zu organisieren, stoße aber nur auf Ablehnung.
„Sind wir nicht alle Guns N’ Roses-Fans? Wir müssen in der Not zusammenhalten.“
„Halt die Schnauze dahinten!“
Der Chantré schmeckt fabelhaft.
„Tidl, wir haben in Düsseldorf nur knapp eine Stunde Zeit, dann fährt unser Anschlusszug“, sagt Greg.
„Kein Problem. Wir gehen zum Hotel und dann suchen wir Mat eine Bleibe und dann sind wir rechtzeitig zurück.“
„Kennst du dich hier aus?“
„Nein.“
„Weißt du wo das Hotel ist?“
„Nein.“
Von Axl fehlt jede Spur. Wir schauen durch das Schaufenster der Hotelbar und auch dort ist er nicht.
„Ich geh mal rein“, sage ich.
Ich geh in die Hotelbar vom Intercontinental. Kaum Gäste hier.
„Sie dürfen hier keine eigenen Getränke mit reinbringen“, sagt der Barkeeper.
„Ich bin dienstlich unterwegs. Wir haben einen Termin mit Mr. Rose.“
„Mit wem?“
Mr. Rose.“
„Tut mir leid.“
Axl Rose.“
„Der ist nicht hier, wir sie sehen.“
„Wann kommt er denn? Wir sind nämlich alte Freunde.“
„Ich glaube nicht, dass er kommen wird.“
„Können Sie ihm eine Nachricht hinterlassen?“
„Selbstverständlich“, sagt er gleichgültig.
Er gibt mir einen Notizblock, auf dem das Logo der Bar gedruckt ist. Ich stelle die Flasche Chantré auf den Tresen. Der Barkeeper hebt sie hoch und wischt mit seinem Lappen den Boden und den Tresen unter der Flasche trocken.
Hi Axl, I’m in town. Call me when you read this. Cheers. Slash. Darunter schreibe ich die Telefonnummer von Gummi Willenbockel, falte den Zettel zusammen und gebe ihn vielsagend dem Barkeeper zurück.
„Mach’s gut, mein Bester.“
Draußen stehen Greg und Mat in der Kälte.
Axel ist nicht hier. Axel ist weg. Axel ist fort.“
„Tidl, unser Zug fährt in fünfzehn Minuten.“
Noch genug Zeit, um Mat eine Bleibe zu suchen.
“Hey, Mat, willst du nicht hier bei Axel im Hotel pennen?“
Doch Mat braucht eine günstige Bleibe. Kaum vorstellbar, wie schwer es ist, nachts in Düsseldorf ein Hotelzimmer zu finden. Nach dem vierten oder fünften Anlauf hat er dann eins. Tschüss Mat!
Plötzlich ist Greg weg. Er ist vorgerannt, um den Zug zu bekommen und ich weiß nicht einmal, wo hier der Bahnhof ist. Und Greg hat das Ticket. Und der Weinbrand wirkt. Ich irre durch Düsseldorf und bin überrascht davon, was für eine schöne Stadt es ist. Hätte ich nicht geglaubt. Im Hauptbahnhof peile ich das Gleis an, von dem ich annehme, es sei das richtige, doch da steht keine Menschenseele. Verfluchte Kacke, du hast vielleicht das Ticket, aber dafür habe ich den Chantré! Irgendwo bei den S-Bahn-Gleisen sitzt er dann doch und unterhält sich mit einer Lesbierin. Die Beiden trinken Bitburger. Ich komme gerade rechtzeitig, um dem Gespräch folgen zu können.
„Und was machst du nachts im Düsseldorfer Hauptbahnhof, wenn du eigentlich aus Kiel kommst?“, fragt Greg die Lesbierin.
„Ich bin wegen dem Therapeuten meiner Freundin hier.“
„Bitte?“
„Der Therapeut meiner Freundin hat sich in meine Freundin verliebt.“
„Und?“
„Wie und?“
„Sie ist doch eine Lesbierin. Wo ist das Problem.“
„Der lädt sie zum Essen ein. Der telefoniert ständig mit ihr.“
„Und erzählt ihr, dass du ihr Problem bist?“
„Das weiß ich nicht. Vorstellbar ist es.“
Ich schalte mich ein: „Was willst du machen, wenn du ihn triffst?“
„Das weiß ich auch noch nicht.“
„Willst du ihn umbringen.“
„Vielleicht. Obwohl … nein, wohl eher nicht. Ich werde ihn bitten, damit aufzuhören und dann schauen, wie er reagiert.“
„Warum wechselt deine Freundin nicht einfach den Therapeuten?“
„Tja, wenn ich das wüsste.“
„Tauscht du ein Bier gegen einen Charly?“
„Du kannst auch so ein Bier haben.“
„Und? Glaubst du, deine Freundin hat was mit ihrem Therapeuten?“
„Ich hoffe nicht.“
„Was ist wenn?“
„Dann gibt es vielleicht doch noch Tote. Aber ihr müsst mir versprechen, dass ihr das für euch behaltet.“
„Könnte ich noch ein Bier bekommen?“
„Aber du hast doch noch eins.“
„Sonst verrate ich dich.“
„Du kennst doch gar nicht meinen Namen.“
„Könnte ich vielleicht trotzdem noch eins für die Fahrt bekommen?“
„Klar.“
Ihr Zug kommt und mit ihr verschwindet ein Rätsel. Was bleibt sind zwei Flaschen Bitburger und vierzig Minuten Warten in der Düsseldorfer Kälte. Wo Gummi jetzt wohl steckt?
„Kann ich ein Bier haben?“, fragt Greg.
Wir sitzen auf der Bahnhofsbank und blicken auf ein McDonald’s-Plakat. Wir haben Hunger.
„Schade dass wir Axel nicht getroffen haben“, sage ich.
„Hätte Mat nicht seine Kollegen anrufen können um sich zu erkundigen, wo Axel tatsächlich übernachtet?“
„Woher sollten die das wissen?“
Was wir nicht wussten: Zu dieser Zeit, wenige Kilometer weiter in Mönchengladbach, hängen Mats Administratoren- und Moderatoren-Kollegen mit Tommy Stinson und Ron Thal Backstage ab und ergattern ein Autogramm von Axl Rose. Ich hoffe er nimmt es uns nicht übel, ihn auf diesen Höllentrip mitgenommen zu haben.

. Das Publikum nimmt sie zwiegespalten auf, aber was will man auch von Leuten erwarten, die br /

15 thoughts on “Guns N’ Roses-Live in Gladbach 2012”

  1. I.D says:

    nach diesem wiederlichen fußballabend, war dein bericht eine super aufheiterung!!! danke!!!

  2. ICH says:

    @Gummi: Vorsicht! Sonst sage ich Pimmel, dass du seine 13 jährige Schwester gevögelt hast! :DDD

  3. Mark Renton says:

    Wirklich sehr amüsant. Renton

  4. Tidl says:

    Danke Nagel/Hammer, Nina und Scorpi

  5. HAMMER says:

    ps: GROßARTIG

  6. NAGEL says:

    ein journalistisches MEISTERWERK…
    DANKE für diese heiteren 15min in meinem Leben!

  7. Gummi W. says:

    @Ich: Keiner beleidigt Tidl! Sei froh, dass ich dich nicht kenne, sonst hättest du ein echtes Problem mit mir!!!!!!!!

  8. Velvetgirl says:

    Super Artikel Tidl! Ich liebe es, wenn du AxEl sagst/schreibst! Vielen Dank für diesen genialen Konzertbericht, es war ein unvergesslicher Abend!

  9. Ich says:

    @Verfasser: ….und wenn du keine Kritik vertragen kannst, lies das Goldene Blatt oder so. Da gibt es mehr Geschichten aus der Welt der Promis die dein Gusto ansprechen….

  10. troll132 says:

    Schade dass ich nicht hingehen könnte :( .Aber zum glück spielen die auf Mallorca am 22 Juli, ich freu mich schon!!

  11. @ ICH

    Wenn du langweilige Standardkonzertreviews willst, lies das Handelsblatt oder so

  12. Eric Eric says:

    Gummi, schön das du gut nach Hause gekommen bist. Aufgrund deiner weißen Jacke, die im dunkeln so schön geleuchtet hat wie ein Schuss aus einer signalpistole, hatten wir schon angenommen, der Bus hätte dich erwischt!

  13. ICH says:

    What for a gequirlte Kinderkacke. Fuck you!

  14. Scorpi says:

    Leider war ich nicht bei dem Konzert und ich teile auch nicht jede deiner Meinungen über diesen oder jenen ABER du hast das saugut geschrieben. Ich habe mich köstlich amüsiert :D

  15. Gummi W. says:

    Alter, Tidl! Kannst du den Artikel bitte löschen oder wenigstens die Stellen über mich rausnehmen!
    Ich bin fertig mit den Geschichten von damals. Will nicht, dass sowas im Internet steht.

    PS: War ein geiles Konzert!

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