25 Jahre Appetite For Destruction

AFD-Header (2)

Fragt man Fans und Freunde, welche Schwachstellen es auf Appetite For Destruction gibt, wird nicht lange nachgedacht: Alle sind sich einig, dass es der Fadeout von Nightrain ist. Dieser Fadeout – Was haben die sich dabei nur gedacht?

25 Jahre nach den Stones und 15 Jahre nach den Pistols hatte die Welt wieder eine hundgemeine Band, die von den Medien gehasst und von den Teenies geliebt wurde. Sie hatten sich ein unbeschreibliches Image aufgebaut. Vor ihrer ersten kleinen UK-Tour bezeichnete die englische Presse Axl Rose als jemanden, „der die besondere Angewohnheit hat, Hunde abzuschlachten.“
Als die Guns Mitte der Achtziger in L.A. zusammentrafen, waren sie fünf verwegene Hunde und es steht außer Frage, dass sie wohl in der Gosse gelandet wären, hätten sie nicht angefangen gemeinsam Musik zu machen.
Der Spiegel schrieb damals: „Guns N’ Roses haben nur noch ihre eigene nackte Existenz und Anhänger, von denen sie auf Konzerten mit Knallfröschen und Bierflaschen beworfen werden – der Teil einer Generation, der das Träumen schon deshalb verlernt hat, weil er ums Überleben kämpfen muss.“ Er bezeichnete die Musik als „Soundtrack zur alltäglichen Apokalypse, eine Mischung aus Wut, Verzweiflung und Langeweile, eine Gegenwartsbewältigung ohne Vision für eine Generation, die mit Hoffnungslosigkeit geschlagen ist.“ Es war das reaktionäre Jahrzehnt des republikanischen Präsidenten Ronald Reagan. Musikalisch hatten die USA in dieser Zeit nicht viel zu bieten. Der Punk war tot. Alternativen gab es nur wenige. Es war die Zeit des Glam Rocks. Die tuntigste Zeit des Rock ‘N’ Rolls schlechthin. Rock war zu einer Kostümshow verkommen. Und genau aus diesem schäbigen Genpol kamen die Guns, ritten für kurze Zeit auf der Trendwelle mit, inklusive Schminke und toupierter Haare. Doch sie wollten nicht dazu gehören und kreierten bald ihren eigenen Stil, der sich aus fünf verschiedenen Charakterköpfen zusammensetzte. Keiner war Mitläufer. Keiner war überflüssig oder ersetzbar. „Wir lieben uns“, versicherte Slash 1988. „Wir sind uns wirklich sehr nahe, deshalb habe ich auch fast nie Angst, irgendeiner könnte die Band verlassen. Der einzige Grund, warum diese Band funktioniert, ist die Chemie zwischen uns Fünfen.“ Slash hatte damals schon seinen eigenen Gitarrenstil gefunden, von dem er bis heute nicht groß abgewichen ist. Duff brachte den Punk mit in die Band, Stevens nicht sehr anspruchsvolles und doch sehr energische Drumspiel preschte die Band von hinten an und ergänzte sich blendend mit Izzys Rhythmus, beeinflusst von den späten Sechzigern und frühen Siebzigern, jener Zeit, in der der Blues mit dem Rock verschmolz. Zusammen mit Axls vielseitiger Kreissägenstimme schufen sie einen bis heute einmaligen Sound. Doch allem voran waren es die Lyrics aus der Feder des kongenialen Paares Rose und Stradlin, die ein Befreiungsschlag für eine ganze Generation von Teenies bedeuteten. Endlich gab es wieder eine Band, die das aussprach, was so viele fühlten.
Doch von der Veröffentlichung von AFD bis zum kommerziellen Durchbruch sollten noch Monate vergehen. Die Presse nahm die Platte nur beiläufig wahr. Allenfalls das von Robert Williams gemalte Cover sorgte für Kontroversen und musste bald durch das „Kreuz-Cover“ ersetzt werden. Tourneen mit The Cult, Aeorsmith und der Crüe sorgten dafür, dass die Band nach und nach einem größeren Publikum vorgestellt wurde, ehe sie 1988 selbst den Status einer Headliner-Band innehatte und Hauptacts wie Iron Maiden die Show stahl.
„Ich sehe MTV und es ist verdammt schwer, keine Scheiße auf den Fernseher zu werfen, weil es so gottverdammt langweilig ist“, sagte Axl noch vor der Veröffentlichung von Appetite. „Wir lernen Leute kennen und sie sagen uns, tut dies, tut das. Und wir sagen, scheiß drauf, scheiß auf dich. Weil das einfach nicht wir sind. Wir machen genau das, was wir wollen.“ Diese Einstellung vertritt Rose bis heute. Nie hat er sich von jemanden etwas einreden sollen, ausgenommen vielleicht von Yoda, seiner mysteriösen Hexe, die Ende der Neunziger angeblich einen enormen Einfluss auf ihn und seine Gemütslage hatte. Das Verhältnis der Band zu MTV kann wohl als Hassliebe verstanden werden, denn es war der heute leblose Musiksender, der 1988 Sweet Child O’ Mine in Heavy Rotation laufen ließ (teilweise zwei Mal pro Stunde, vierundzwanzig Stunden am Tag) und dafür sorgte, dass AFD mit einem Jahr Verspätung auf Platz Eins der Charts landete und bis heute das erfolgreichste Debütalbum der Musikgeschichte ist. MTV brachte die Guns in die Stuben und Kinderzimmer auf der ganzen Welt. Zu jener Zeit war der Musiksender meinungsbildend und bei den Eltern verhasst, weil der er ebenso unangepasst war, wie die Musiker die dort liefen. Guns N’ Roses war die erste Band in einer Reihe von Bösewichten (Nirvana, Manson, Eminem), die sich im Laufe der Jahre anschließen sollten und dem Sender ein Image verpassten, das die jüngere Generation heute wohl kaum noch nachvollziehen kann. Slash waren der schnelle Ruhm und das viele Geld angeblich egal. Für ihn gab es nur ein paar Dinge, die von Bedeutung waren. “Eine Gitarre, ein Verstärker, eine Packung Zigaretten und eine Flasche. Was soll ich mit einem Haufen Geld? Zwei Flaschen kaufen?”
Abseits der Musik steckt die Platte voller Mythen und Anekdoten. Und wer wäre nicht gerne Augenzeuge gewesen, als man Steven zum ersten Mal den fertigen Mix von Rocket Queen vorspielte und er hören musste, wie seine damalige Freundin zur Mitte des Songs ekstatisch stöhnt, weil sie von Axl gevögelt wird? Appetite For Destruction war eine Platte, die in der Gosse entstand. Das Geld für den Treibstoff wurde den Frauen abgezogen, die nach einem Fick schlafend auf der Couch im Hell House lagen. Fünf Kerle, genauso orientierungslos wie ihre ganze Generation, fanden zusammen und schrieben zwölf Songs, in die sie all die Verständnislosigkeit und den Hass hineinpackten, der sie krank werden ließ. Doch mit der Veröffentlichung des Debüts, dem schnellen Ruhm und dem vielen Geld, begann auch ein zehn Jahre dauernder und vom Größenwahn beinflusster Selbstzerstörungsprozess, der die alte Band schleichend in den Selbstmord trieb. AFD war das letzte Album seiner Art, ein kurzes, aber intensives letztes Lebenszeichen des alten Hard Rocks, der Anfang/Mitte der Neunziger konsequent vom Alternative abgelöst wurde.

One thought on “25 Jahre Appetite For Destruction”

  1. Greg Kerridge says:

    Ich stimme dir zu 100% zu. Dieselben Ansichten haben mein Mitbewohner und Ich auch immer, wenn wir abends beim Bier über GNR reden.

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