Tutorial-Mittelmaessige & miese Alben schoenreden

Asche

Guten Morgen zu meinem kleinen Tutorial. Heute geht’s um ein Verfahren, das viele meiner Bekannten perfektioniert haben, nämlich dem Schönreden von mittelmäßigen oder sogar schlechten Alben. Dieses Tutorial widmet sich hauptsächlich dem klassischen 80er-Jahre-Rock-Hörer, lässt sich aber auch auf andere Musikgeschmäcker anwenden. Also Stifte raus und obacht, es geht los!

1. Eine Schwalbe macht den Sommer

Die erste Lektion ist enorm wichtig,  aber heutzutage eigentlich schon selbstverständlich: Ignorieren Sie, dass ein Album ein Gesamtkunstwerk ist. Wenn Ihnen zwei oder drei Songs gefallen, der Rest aber total unbedeutend ist, egal: Bezeichnen Sie das Album als grandios. Auch die paar Songs, die Sie als toll bezeichnen, müssen das nicht sein. Es reicht, wenn nur das Solo gut ist oder der Chorus zum Mitsingen animiert. Denn: Wer hört heutzutage noch ein ganzes Album? Einfach an den mp3s zu den paar entsprechenden Stellen springen und das ganze Album als Meisterwerk abfeiern.

2. Ein Album ist nur schlecht, wenn man etwas Besseres erwartet hat

Schrauben Sie ihre Erwartungen so etwas von in den Keller, dass Sie einfach nicht enttäuscht werden können. Hey, objektiv gesehen ist das Album zwar Mittelmaß, aber das waren die Alben vorher auch. Also: ein weiteres Meisterwerk. Ist zwar derselbe Aufguss zum 23. Mal,  aber egal! Der Mensch ist ja schließlich ein Gewohnheitstier und steht Veränderungen stets skeptisch gegenüber.

3. Die Band muss es ja wissen

Glauben Sie vor Albumveröffentlichung alle Äußerungen, die vom Interpreten oder seinem Label kommen. „Auf diesem Album habe ich mein Gitarrenspiel nochmal enorm gesteigert“, „Meine Texte sind viel tiefgründiger als vorher“, „ Wir haben uns diesmal wirklich als Band gefühlt und zusammengearbeitet“. Ignorieren Sie bitte, dass die Interpreten mit solchen Äußerungen nebenbei ihre eigenen vorherigen Werke heruntermachen. Wiederholen Sie einfach diese Sätze im Gespräch mit Bekannten so, als ob das Ihre eigenen Beobachtungen wären. Hey, warum sollte eine Band oder das Label über die Qualität eines Albums lügen? Die haben doch gar keinen Grund dazu!?!

4. „Du weißt einfach nicht, was gut ist.“

Für unsere kleinen Rockers: Jegliche Kritik an dem Album, was Sie so grandios finden, einfach abtun. Dazu gibt es zwei Strategien. Die erste ist die schönere, weil man dabei sein Gegenüber persönlich angreift: Besonders eignen sich dazu die Sätze „Das ist halt noch richtiger Rock’N'Roll!“ oder „Du hörst ja auch keinen richtigen Rock mehr!“. Die zweite Möglichkeit, jegliche Diskussionen über die Qualität eines Albums zu unterdrücken: „Tja, ist halt [Motörhead, AC/DC, Scorpions, Accept,...].“ Diskussion hinfällig. Wird eh schon zuviel gesabbelt heutzutage.

5. Neue Bands? Bäh.

Vermeiden Sie es, sich mit moderner Musik auseinanderzusetzen, sonst besteht die Gefahr, dass Sie manche Band finden, die es besser macht als Ihre 80er Glamrock-Helden. Denn der Sinn der Sache ist es ja nicht, gute Musik zu finden! Sie wollen ja als cooler, einsamer Rocker dastehen, der als einziger weiß, dass nur die guten alten 80er-Jahre Rockbands geile Musik gemacht haben und machen. Und sich mit dieser Meinung dem heutigen verweichlichten Mainstream entgegenstellen. Einzige Ausnahme: Aktuelle Bands, die sich exakt auf 80er-Glam geben. „Hey, die Typen sehen aus, als hätte Steven Adler den Sänger von Poison geschwängert und beim Ficken hat die ganze Mötley Crüe dazu im Takt geklatscht. Die müssen gut sein! Außerdem seh ich auch immer so aus, wenn ich am Wochenende von meinem Dorf in die Stadt zum Feiern fahre und dabei Cowboyboots und Bandana trage.“

 

Das war’s auch schon für heute. Ob Sie die Techniken perfekt beherrschen, merken Sie ganz einfach daran, dass Sie anfangen, Ihren eigenen Bullshit zu glauben. Gratulation!

 

Gewidmet vielen Bekannten und dem deutschsprachigen Guns N’ Roses-Forum.

3 thoughts on “Tutorial-Mittelmaessige & miese Alben schoenreden”

  1. Danke, Scorpi.
    Ich bin aber auch nicht frei von Schuld… So ein bisschen beschreibe ich da oben auch mein altes Ich ;)

  2. Scorpi says:

    Kinderzimmer? *nichtweiterdrübernachdenk*

    zum Artikel:
    Sehr gut geschrieben!
    Leider muss ich mir selber eingestehen, dass ein klein wenig, ab und zu, auch auf mich zutrifft. Ich gelobe Besserung :D

  3. buckethead1990 says:

    Das Plattencover von “Made of Metal” habe ich als Wandtapete in meinem Kinderzimmer.

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