Strand of Oaks-Dark Shores

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“A poet is a nightingale, who sits in darkness and sings to cheer its own solitude with sweet sounds”: Dieser Satz von Percy Bysshe Shelley könnte auch das Motto von Timothy Showalter alias Strand of Oaks sein. Die dunklen Seiten des Lebens – Verlust, Trauer, Armut, Verlorenheit – nehmen seit jeher einen prominenten Platz in Showalters Werk ein, da ist es nur konsequent, dass er sein neuestes Album Dark Shores genannt hat. Ironischerweise war sein wohl dunkelster Moment von Licht geprägt: 2003 brannte Showalters Haus vollständig nieder. Eine Erfahrung, die die Grundlage seines ersten Albums Leave Ruin bildete: „This is what it feels like to see the world end in flames“, singt er dort auf dem Opener End in Flames. Seitdem ist viel Zeit vergangen und aus dem „sad sack whose house burnt down“ (O-Ton Showalter) ist einer der innovativsten Songwriter Amerikas geworden.

Dark Shores ist Strand of Oaks’ drittes Album in vier Jahren. In dieser relativ kurzen Zeit hat sich Showalter auf beachtliche Weise weiterentwickelt, jedoch ohne sich selbst zu verlieren. Sein Debüt Leave Ruin bietet sowohl ruhige Akustiknummern (Lawns Breed Song, Two Kids) als auch Songs mit ausschweifenden Instrumentalpassagen wie New Paris und Do You Like to Read?. Verlust ist das zentrale Thema des Albums, sei es der von Geliebter und Kind in Sister Evangeline oder der des Ehemanns in Mourning Worker, dennoch ist es nicht völlig hoffnungslos: “Cause it’s been a good year, a lot better than the last“, heißt es im Titelsong.

Auf dem Nachfolgealbum Pope Killdragon werden diese Elemente weiterentwickelt. Der Albumtitel geht auf einen Scherz zurück: Sollte Showalter je zum Papst gewählt werden, würde er sich Pope Killdragon nennen, weil das der „coolste Papstname aller Zeiten“ sei. So wie Päpste nach ihrer Wahl eine fast neue Identität annehmen, so erfindet sich Strand of Oaks auf diesem Album neu. Während Leave Ruin mehr oder weniger offen autobiographisch war, nehmen die Selbstbezüge hier fantastische Züge an, etwa in Sterling, wo der Erzähler davon träumt, dass er in einem Hotel in Wilkes-Barre, Pennsylvania (Showalters damaligem Wohnort) auf John F. Kennedy trifft. Manchmal erzählt Showalter aber auch aus fremder Perspektive, etwa in Daniel’s Blues, wo Dan Aykroyd nach dem Tod von John Belushi in Depressionen versinkt, oder in Kill Dragon, das von Josephs Entfremdung von Gott handelt und seinem Wunsch, mit Maria und Jesus eine richtige Familie zu bilden. Musikalisch ist vor allem Showalters Liebe für Synthesizer auffällig, die sich auf den längeren Songs von Leave Ruin schon bemerkbar gemacht hatte und hier nun deutlicher zu Tage tritt, jedoch ohne jemals überstrapaziert zu werden. Besonders gelungene Beispiele dafür sind Bonfire und Last to Swim. Dazu gesellen sich noch einige Instrumentalstücke, darunter ein wuchtiger Ausflug ins Metalfach namens Giant’s Despair.

Nun also Dark Shores. Dafür schrieb Showalter zunächst üppige Synthesizersongs, quasi als Weiterentwicklung zu Pope Killdragon. Doch nachdem die ersten Songtexte vollendet waren, stellte er fest, dass diese „fantasy-driven music“ nicht zu den eher realistischen, bodenständigen Versen passte (von Songtiteln wie Satellite Moon und Spacestations mal abgesehen). Für die Produktion holte er sich John Vanderslice ins Boot, mit dem Ergebnis, dass sich Dark Shores noch einmal ein gutes Stück anders anhört als die beiden Vorgänger. So arbeitet er beispielsweise viel mehr mit seiner Stimme als auf den vorherigen Alben und auch das Schlagzeug nimmt eine prominentere Position ein; oft sind Gesang und Drums sogar die tragenden Elemente eines Songs, etwa beim Titeltrack oder bei Satellite Moon. Dass heißt nicht, dass Showalter und Vanderslice auf Synthesizer verzichten, sie fallen nur etwas dezenter aus als ursprünglich geplant, etwa in Hard to Be Young, das ein wenig an Arcade Fire erinnert. In seinen Texten greift Showalter viele altbekannte Themen auf wie Einsamkeit oder den Verlust des Zuhauses. Last Grains erzählt, wie eine Familie unter den Folgen der Wirtschaftskrise zu leiden hat. Aber es wäre kein Strand of Oaks-Album, wenn es nicht auch in tiefster Dunkelheit einen Hoffnungsschimmer geben würde: „Everyday is better than the last“, singt Showalter in Sleeping Pills und knüpft so an Leave Ruin an.

Ich weiß nicht, welches Strand of Oaks-Album das Beste ist, ich denke, sie sind alle auf ihre eigene Weise großartig. Um noch einmal auf Shelley zurückzukommen: “His auditors are as men entranced by the melody of an unseen musician, who feel that they are moved and softened, yet know not whence or why”. Auch Showalters Musik übt eine Faszination aus, die sich nur schwer in Worte fassen lässt. Sie wurde mit Springsteens Nebraska und den Songs von Jason Molina verglichen und irgendwie stimmt das auch, irgendwie ist sie aber auch einzigartig. Auf jeden Fall ist Strand of Oaks’ Musik nichts für zwischendurch oder nebenbei. Man muss schon genau hinhören, um die ganzen Elemente zu erfassen, die sich zu seinen Soundteppichen vereinigen. Wenn ihr also einmal Zeit habt, hört euch doch seine Alben an. Taucht ein in die Dunkelheit, die wohl nie süßer klang als in der Musik von Timothy Showalter.

Leave Ruin, Pope Killdragon und Dark Shores sind bei Bandcamp erhältlich.

One thought on “Strand of Oaks-Dark Shores”

  1. Rudi says:

    Hallo Daisy, ungewohnt, Dich mit diesem Namen anzusprechen! Das hast Du wieder absolut rund formuliert – das ist wohl auch das Fachgebiet, was Dir am meisten liegt. Musik kombiniert mit Journalismus, man merkt es richtig aus der Art wie Du es schreibst. Liebe Grüße aus Frankfurt und dem Spessart! Rudi

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