Titus Andronicus-Local Business

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Das schwierigste Album ist wohl das Album nach dem Meisterwerk. Mit The Monitor haben Titus Andronicus das geschafft, wovon viele Bands träumen: Sie haben das perfekte Album aufgenommen. The Monitor ist ein Konzeptwerk, das auf lyrisch brillante Weise Geschichten aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg mit dem Erwachsenwerden im heutigen New Jersey verbindet – garniert mit Zitaten von großen Amerikanern wie Abraham Lincoln, Walt Whitman und William Lloyd Garrison. Ken Burns trifft Bruce Springsteen, gewissermaßen. Verpackt wird das Ganze in rotzige Punkrocksongs, die mal knackig und mal ausufernd sind und sich zu einem Epos über Enttäuschung, Wut und Verzweiflung zusammenfügen. Besser geht’s nicht.

 

Das wissen wohl auch Titus Andronicus, also versuchen sie gar nicht erst, The Monitor irgendwie zu toppen. Als ich das Cover von Local Business gesehen habe, das wohl jeder Fünfjährige liebevoller gestaltet hätte, wuchsen in mir Befürchtungen, dass die Band gar sämtliches kreatives Pulver auf ihren ersten beiden Alben verschossen hat. Dem ist glücklicherweise nicht so. Local Business ist nicht schlecht, es ist nur anders. Mastermind Patrick Stickles hat immer noch eine Menge zu sagen, nur verzichtet er hier auf die großen historischen Zusammenhänge und konzentriert sich auf sich selbst. Viele Songs sind von einem Selbstekel geprägt, wie man ihn sonst nur von Elliott Smith oder Conor Oberst kennt, gepaart mit einer Verzweiflung über die Menschheit im Allgemeinen, etwa in Upon Viewing Oregon’s Landscape with the Flood of Detritus: Während die Passanten sich darüber ärgern, dass ein Autounfall auf dem Highway ihre Zeitpläne durcheinander wirkt, sinniert Stickles über die Vergänglichkeit des Lebens. ”There are a thousand dreams never to come to pass, because dreams can’t be, nor people, indeed, built to last” heißt es da und “Now I’m writing manifestos on old B.O.A. receipts. I know it only is alfresco when I take meals in the streets. There was promise in these pages once, now they rot under the rain of their wisdom, all that remains are stains, because, just like me, they were made to be thrown away.”

Stickles’ Offenheit erreicht ihren Höhepunkt bei My Eating Disorder: In den ersten drei Minuten analysiert er die Hintergründe seiner Erkrankung – wie die Essstörung zum Versuch wird, in einer Welt voller Chaos wenigstens die Kontrolle über seinen Körper zu behalten. Doch dann wird der Sound rauer und der anfänglichen Wortschwall wandelt sich in Wiederholungen von „My eating disorder, it’s inside me“. Am Ende bleiben nur wuchtige Gitarren und Drums, während Stickles x-mal ruft „Spit it out!“. Wie auch auf The Monitor wechseln sich komplexe, textlastige Songs mit knackigen Zwei-Minuten-Nummern an, die teilweise nur aus einer Zeile bestehen, wie Titus Andronicus vs. The Absurd Universe (3rd Round KO). Musikalisch ist Local Business jedoch reduzierter als der Vorgänger. Dabei steht die tanz- und mitgrölbare Mischung aus Indie Rock und Punk oft im Kontrast zu den ernsten Texten: Beim groovigen (I Am The) Electric Man etwa würde wohl niemand vermuten, dass Stickles den Song im Krankenhausbett geschrieben hat, nachdem ein Stromschlag ihn fast dahin gerafft hätte.

Auch wenn es noch einige Gemeinsamkeiten mit The Monitor gibt, erinnert Local Business mit seinen schnörkellosen Songs und dem autobiographischen Fokus eher an das Debütalbum The Airing of Grievances. Anklänge von Pop, Glam Rock und Blues sorgen jedoch für musikalische Frische, während Stickles’ Poesie so großartig ist wie eh und je. Mit ihrem dritten Album dürften Titus Andronicus endgültig bewiesen haben, dass sie zu den besten Bands zählen, die die Musikwelt derzeit zu bieten hat.

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