Rival Sons-Die Kids wurden einer Gehirnwaesche unterzogen

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Scott, kannst du unseren Lesern erzählen, wie ihr als Band zusammengefunden habt?

Scott: Ursprünglich hatte ich einen anderen Sänger. Dieser Typ hatte eine Menge Freunde im Musikgeschäft. Er kannte Nicky Lucero, der mit auf der Queens of the Stone Age-Platte Rated R mitgespielt hat. Ein großartiger Schlagzeuger. Und er sagte uns, dass er einen Kerl kenne, der die Reinkarnation von John Bonham und Keith Moon sei und auch noch aus der selben Gegend käme wie ich: Mike Miley. Mike kam vorbei, wir jammten sehr viel und redeten noch mehr. Wir verstanden uns auf Anhieb. Wir merkten, dass wir die selbe Musik lieben, dass wir beide Vegetarier sind. Es stand sofort fest, dass Mike unser Drummer wird. Mike hat dann Robin gefunden. Er ist ein klassischer Jazz-Basser, der nicht einmal weiß, wer John Paul Jones ist. Aber das macht nichts. Er steht zwar total Abseits vom Rock ‘N’ Roll, dafür ist sein Verständnis vom Soul und Funk umso umfangreicher, so dass er ein absoluter Volltreffer für uns war. Vor allem harmonierte er auf Anhieb mit Miley. Wir hatten also vier Leute zusammen. Mike Miley an den Drums, Robin Everhart am Bass, ich an der Gitarre und den Sänger. Wir nahmen eine Platte für EMI auf, die aber nie erschien. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, dass Mike, Robin und ich zusammenpassen, der Sänger aber nicht richtig für uns ist. Also machte ich mich auf die Suche nach einem neuen Sänger. Ich stolperte über die Myspace-Seite von Jay Buchanan und als ich die ersten 30 Sekunden eines Akustik-Stückes hörte, wusste ich zu hundert Prozent, dass Jay unser neuer Sänger sein würde. Ich glaube an die Götter des Rock und sie wollten, dass Jay bei uns einsteigt. Ich spielte den Jungs die Songs von Jay vor und Miley fing an zu lachen. „Jay Buchanan? Das ist einer meiner ältesten Freunde.“ Tatsächlich kam Jay aus der selben Gegend in Long Beach wie wir und Miley hatte vor Jahren zusammen mit Jay in einer Band gespielt. Miley sorgte dafür, dass ich Jay an die Strippe bekam und wir fingen sofort an über unsere Ansprüche und Qualitäten zu reden. Darüber, an was wir im Rock ‘N’ Roll glauben, was für Musik die Rival Sons machen, welche Einflüsse wir haben, aber die meiste Zeit redeten wir über den Blues. Über Muddy Waters, Robert Johnson, John Lee Hooker und über die ganzen anderen Bands, die wir mögen: The Kinks, The Who, die Small Faces, einige Psychedelic-Bands wie die 13th Floor Elevators. Wir redeten darüber, wie sich die Musik entwickelt hat und dass ihr heute der Blues und der Soul abhanden gekommen ist. Dass wir anders sein wollen, dass wir die Art von Rock-Band sein wollen, die ich selber gerne hören würde, eine Band, die das alte Feeling zurück bringt. Ich höre zwar eine Menge neuer Musik, doch nichts davon darf sich als Rock ‘N’ Roll bezeichnen. Seit der Grunge-Ära ist etwas verloren gegangen und wir wollen es zurück bringen. Wir wollen wieder doomiger sein, denn ich bin fest davon überzeugt, dass die Welt wieder Rock N’ Roll in ihrem Herzen braucht. Rock ‘N’ Roll ist zeitlos und er wird immer rebellisch und gefährlich sein. Diese Musik will dass du tanzt. Sie bringt die Mädchen dazu sich auszuziehen. Doch die Musik hat sich zu weit davon entfernt und ist zu einem Witz geworden. Wir wollen nichts mit toupierten Haaren und Schmuddel-Look zu tun haben. Wir wollen den verlorengegangen Blues und Soul wieder zurückbringen. Das war auch genau Jays Vorstellung von Musik und so kam er vorbei um mit uns zu proben. Wir spielten ein paar von seinen Songs und ein paar von den Songs, die wir schon fürs nächste Album geschrieben hatten. Irgendwann meinte Jay „Ich glaube nicht, dass wir es nicht probieren sollten“. Das ist seine Art zu reden. Damit wollte er sagen, dass er überzeugt von uns war. Wir hatten noch ein bisschen Geld über, gingen ins Studio und nahmen mit ihm die Songs auf, die EMI zuvor abgelehnt hatte. Das Ergebnis war Before The Fire.

Du sagst, dass ihr den Rock ‘N’ Roll-Spirit zurückbringen wollt. Wenn man eure Alben hört, dann fühlt man sich in die Zeit zwischen 67 und 74 zurückversetzt. Ist es eure Absicht, moderne Einflüsse auszublenden?

Scott: Es ist nicht so, dass wir zwingend alt klingen wollen. Es hat eher damit etwas zu tun, dass die alten Platten den Spirit haben, den auch wir verkörpern wollen. Man muss einfach mal zurückblicken. Gab es 1992 eine Rock ‘N’ Roll-Band, die diesen Spirit besaß? Gab es 1987 eine Band, die dieses Gefühl verkörpert hat? 1977? – Nein. 1971? – Vielleicht. 1968? – Absolut. Genau das ist die Zeit, die das Gefühl verkörpert hat, das ich spürte als ich zum ersten Mal zur Gitarre griff. Musik, die beeinflusst war vom Blues der 30er und 40er und dem Rock ‘N’ Roll der 50er und 60er, nur eben elektrischer. Oder nimm die experimentellen Jazz-Musiker der späten Sechziger und frühen Siebziger wie Miles Davis oder John Coltrane. Sie schufen ganz neue Sounds und haben das Bewusstsein für Musik nachhaltig verändert. Viele Leute wollen uns als Classic Rock-Band verstehen, aber ich komme auf diesen Begriff nicht klar. Unsere Intention ist es, einfach nur Rock ‘N’ Roll zu sein.

Seit der Veröffentlichung von Pressure And Time (2011) seid ihr fast die ganze Zeit unterwegs gewesen und habt nebenher noch eure neue Platte Head Down aufgenommen. Die meisten Bands brauchen heutzutage drei, vier Jahre für ein neues Album. Woher kommt diese Kreativität?

Scott: Drei oder vier Jahre für ein Album ist total lahmarschig. Die Tatsache, dass wir alle komplett unterschiedliche Musiker sind, beflügelt uns natürlich. Und wenn wir auf Tour sind, dann haben wir das Privileg, viele verschiedene Orte und Menschen kennenzurlernen. Wir stehen nahezu jeden Abend zusammen auf der Bühne und versuchen dem Publikum bei jedem Gig etwas Neues zu bieten. Jeder Auftritt unterscheidet sich von dem vorherigen. Diese Variationen führen häufig zu neuen Songs. Wir setzten uns keine Grenzen. Wenn wir wollten, dann könnten wir ins Studio gehen und eine komplette Soul-Platte aufnehmen. Oder einfach einen 45-minütigen Psychedelic-Song einspielen. Oder einen 3-minütigen Rocker. Die meisten Musiker nehmen eine Platte auf, drehen ein Video, touren einmal um die Welt und fahren dann nach Hause, um eine lange Zeit auf dem Sofa zu sitzen. Wir sind da anders. Wir wollen jedes Jahr eine Platte rausbringen und so viel wie möglich unterwegs sein.

Ihr seid jetzt innerhalb eines Jahres zum dritten Mal in Hamburg. Was hat sich verändert?

Scott: Die Location [Knust] ist ein recht bescheidener Ort. Die meisten Säle auf unserer Tour haben sich in der Größe verdoppelt. In der Regel spiele wir vor 800 bis 1500 Leuten. 95 Prozent der Tour sind ausverkauft. Aber es ist auch sehr schön in so kleinen Läden wie diesem hier aufzutreten, weil es intim ist. Auf Festivals und als Support haben wir schon vor 20.000 Leuten gespielt, was ein großartiges Gefühl ist. Aber auch Läden wie dieser haben ihren Reiz. Mir ist aufgefallen, dass das Publikum vor einem Jahr wesentlich älter war und viel mehr Kerle im Publikum waren. Jetzt haben wir auch viele junge Mädchen vor der Bühne stehen. Man merkt daran, dass die mediale Aufmerksamkeit größer geworden ist und mehr Menschen uns kennen. Das ist klasse.

Wie wichtig waren für diese Entwicklung die Auftritte als Support für AC/DC, Priest und Guns N’ Roses?

Scott: Die Auftritte als Support dieser großen Bands waren für uns eine Bewährungsprobe. Als wir vor Judas Priest spielten, hatten wir Angst, dass die Leute irgendwelche Scheiße auf uns werfen würden, weil wir keine Metal-Band sind. Priest haben sehr treue Fans und wir hatten keinen Plan, wie sie auf unsere Mischung aus Rock ‘N’ Roll, Soul und Blues reagieren würden. Doch wir haben die Herausforderung angenommen und es war letztlich sehr cool. Auf der gesamten Tour haben uns die Priest-Fans toll unterstützt und das ist uns eine große Ehre. Mit AC/DC war es das Gleiche. 15.000 Leute in einer ausverkauften Halle in Las Vegas. Es war ein komisches Gefühl, denn wir konnten uns nicht vorstellen, dass die Leute Lust auf eine neue Band hatten. Aber auch dort lief alles cool ab. Trotzdem ist es einfach etwas Anderes, ob man als Vorband spielt oder für die Menschen, die nur wegen dir und deiner Musik kommen und dich unterstützen.

Wie war es für euch als junge Band backstage auf Rockikonen wie Angus Young oder Axl Rose zu treffen?

Scott: Als ich jung war, da spielten die ersten Guns N’ Roses-Alben Appetite und GN’R-Lies eine große Rolle für mich. Slash ist ein Freund unserer Band und darum ist es verrückt zu sehen, dass Guns N’ Roses heute nur noch Axls Ding ist. Es ist nicht mehr Guns N’ Roses, wie wir es kennen und lieben gelernt haben. Es ist Axl und seine Band. Seine Band ist großartig und es sind großartige Typen, aber ich habe die alte Band live gesehen. Mit Duff, Slash und meinem Liebling Izzy und das Publikum hat Sprechchöre auf sie gesungen. Und nun stehen da ganz andere Kerle. Das ist schon komisch. Als wir für AC/DC eröffnet haben, da waren die Jungs sehr müde vom Fliegen und blieben für sich. Doch Brian kam nach der Show rum und wir hingen mit ihm ab. Er ist ein famoser Kerl. Es ist witzig, wie klein sie sind und wie alt sie hinter der Bühne wirken. Und dann gehen sie raus und haben die selbe Energie, wie vor dreißig Jahren. Das ist sehr inspirierend…

Wie sieht es da mit Sex, Drugs & Rock ‘N’ Roll aus?

Scott: Ich glaube die Geschichten von Sex, Drogen, freier Liebe und dem Zertrümmern von Hotelzimmern sind Klischees. Wir sind auf Tour die selben bodenständigen Typen wie zu Hause. Die endlose Samstagnacht gibt es eher weniger und bei den anderen Bands, mit denen wir zusammen gespielt haben, deutete auch nichts darauf hin.

Eure Alben sind vom Sound alte Schule. Kannst du etwas über den Aufnahmeprozess erzählen? Und wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem Produzenten Dave Cobb, der ja hauptsächlich Country-Alben produziert?

Scott: Cobb hat mit Musikern wie Jamey Johnson oder Shooter Jennings interessante Alben aufgenommen. Und ich sag dir was: Dieser Kerl kennt den Rock ‘N’ Roll wie kein Anderer. Es war klasse mit ihm zu arbeiten, weil wir die selben Vorstellungen und Vorlieben hatten. Er kennt sich mit den alten Sounds aus und konnte uns genau sagen, welche Gitarre wir für welchen Song zu nutzen hatten. Zudem ist er ein verrückter Sammler. Er besitzt Gerätschaften, von denen es heute kaum noch welche gibt. Ich weiß nicht, wo er die Sachen auftreibt, aber er hat alte Mikrofone aus den Decca-Studios und somit genau den Sound, den wir brauchen. Wenn wir ins Studio gehen, dann ist noch kein einziger Song fertig geschrieben. Wir kommen zusammen mit unseren Ideen, den Instrumenten und dem tollen Equipment, treffen uns jeden Tag im Studio, schreiben Songs und nehmen sie sofort vor Ort auf.

Als ich gestern das Interview vorbereitet habe, da hörte ich mir nochmal euer erstes Album Before The Fire an. Ich saß am Schreibtisch, meine Freundin kommt rein, zerrt mich ins Bett und wir schliefen eine ganze Weile miteinander. Hinterher sagte sie: „Wow, das ist ja genau die richtige Musik für wilden Sex.“ Ist es das, was die Leute als typischen L.A.-Sound bezeichnen?

Scott: (lacht) Klingt nach einer guten Zeit … aber ich würde es nicht als typischen L.A.-Sound bezeichnen. Ich kann mit dem Begriff nichts anfangen und meiner Meinung nach gibt es den heute auch gar nicht mehr. Es gibt zwar viele Musiker in L.A., aber wir sind kein Teil dieser Szene, weil unsere Musik anders ist. Witzig ist, dass viele Leute denken,wir seien Engländer. Letztes Jahr haben wir auf einer Classic Rock-Show gespielt. Gene Simmons war der Host und stellte uns als „seine Jungs aus England“ vor. Übrigens war auch Jeff Beck dort und wir durften mit ihm zusammen spielen. Ich kann noch immer nicht glauben, dass ich Jeff Beck getroffen habe. Wir haben uns ganz normal unterhalten und ich habe ein paar Fotos geschossen. Erst hinterher wurde mir bewusst, dass ich soeben eines meiner größten Idole getroffen habe. Wie dem auch sei: Ich kann dir nicht sagen, was der typische L.A.-Sound ist. Ich habe viele Songs dort am Strand geschrieben. Die Riffs von Tell Me Something und On My Way beispielsweise. Natürlich steckt Kalifornien in den Songs. Mädchen im Bikini, Typen auf Surfbrettern, das ganze Feeling findest du in unserer Musik wieder. Until The Sun Comes ist der absolute California-Sound. Doch die meisten Songs sind in Nashville im Studio entstanden, wo es übrigens sehr viel geregnet hat. Was ich sagen will: Wir sind zwar Jungs aus Kalifornien, aber ich glaube nicht, dass man unsere Musik als L.A.-Sound betiteln kann.

Wenn du von der Musik der späten Sechziger und frühen Siebziger redest, dann fangen deine Augen an zu strahlen. Wünscht du dir manchmal, dass es heutzutage eine ähnliche kreative Rock ‘N’ Roll-Szene gibt, wie es damals der Fall war?

Scott: Ich glaube dass es solch eine Szene gibt. Man braucht zwar seine Zeit, um einander zu finden, aber wenn man viel herumkommt, dann trifft man auf diese Leute. Ich liebe Graveyard aus Schweden. Tolle Jungs und fantastische Musik. Ich hoffe, dass wir demnächst eine Tour mit ihnen zusammen spielen können. Oder nimm die Greenhornes. Wirklich gute und zeitlose Musik. Und was Jack White in Nashville abzieht ist einmalig. Es braucht seine Zeit, bis sich die Bands gefunden haben, aber ich würde schon sagen, dass es eine richtige Szene gibt. Besonders in Skandinavien mit jungen Bands wie The Machine oder den Factory Brothers. Und wenn ich mir etwas wünschen könnte, wäre es, dass diese Szene einfach mehr Aufmerksamkeit bekommt, denn was hier passiert ist echt. Über Jahre und Jahrzehnte wurden die Kids von der Industrie einer Gehirnwäsche unterzogen. Ihnen wird gesagt, dass sie Pop und Elektro zu hören haben und sie glauben auch noch, dass es sich um qualitativ hochwertige Musik handelt. Natürlich gibt es hin und wieder auch gute Pop-Künstler, aber der Großteil ist Einheitsbrei. Das Schlimmste daran ist, dass sie damit das dicke Geld verdienen, während wir gerade mal die Kosten unserer Tour decken können. Vor zwanzig Jahren hätte ich ein großes Haus und die dazugehörige Yacht besessen. Eine seltsame Entwicklung. Nun, es geht mir nicht um Reichtum und ich sehe es als Privileg an, um die Welt touren zu können, aber wenn man die Sache genau betrachtet, fragt man sich ganz schnell, was hier eigentlich verkehrt läuft.

Abschließend: Was ist soweit dein Album des Jahres?

Scott: Ich liebe Jack Whites Blunderbuss. Ansonsten habe ich in letzter Zeit ein paar Alben für mich entdeckt, die schon zwei, drei Jahre alt sind, wie das ****-Album der Greenhornes oder das letzte Album der schwedischen Band Dungen.

 

Das Interview führten Hotho und Tidl.

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