Double Feature #3 StoneRider-Fountains Left To Wake

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StoneRider waren für mich längst keine Unbekannten. Bereits 2007 bin ich bei Myspace (als es noch für Musiker und Industrie relevant war) auf die damals noch vierköpfige Combo aus Atlanta, Georgia gestoßen. Sie waren noch ganz in den Anfängen und gingen aus der Band Fight Paris hervor. Das erste Album Three Legs Of Trouble ließ nicht lange auf sich warten und gefiel Fans und Kritikern gleichermaßen. Wenn man nach einem Kritikpunkt suchen möchte, könnte man behaupten, dass die durchweg rockigen Songs mit 70er-Anleihen (u.a. ist ein Cover von Nazareths Hair Of The Dog vertreten) ein wenig an Abwechslung vermissen ließen und die Band zu einseitig porträtierte. Danach verschwand sie für ein paar Jahre von meinem Radar und wurde mir erst vor Kurzem durch die gemeinsame Europa-Tour mit – welch Ironie – den Skandinaviern und Dauerwelleträgern von Europe (The Final Countdown, Rock The Night, Carrie) wieder in Erinnerung gerufen. „Sie schickten uns eine E-Mail aus heiterem Himmel. Der Sänger Joey Tempest kannte uns schon eine Weile und als sein Management uns fragte, ob wir sie auf der Europa-Tour begleiten wollen, haben wir sofort zugesagt“, erklärt Drummer Jason Krutzky. „Am meisten freue ich mich dabei darauf, meinen Horizont zu erweitern und neue Leute kennenzulernen.“ Bei manchen Bands heißt das so viel wie „möglichst viele Drogen nehmen und möglichst viele Weiber flachlegen“, doch bei StoneRider stehen die musikalischen Ambitionen im Vordergrund. Das bewiesen sie vergangenen Oktober mit einem kurzen aber verspieltem Auftritt in der Alten Seilerei in Mannheim.

Man könnte sich sicher passendere Paarungen als mit Europe vorstellen, aber die Band wurde vom Publikum, wenn auch anfänglich etwas zögerlich, gut aufgenommen und erntete wohlverdienten Applaus. Leider war der Auftritt nach 30 Minuten schon wieder vorbei und man hätte sicher noch gerne weiter zugeschaut, wie Jason kraftvoll in Bonzo-Manier die Felle bearbeitet, Adam sich mit einem breiten Grinsen am Bass austobt und Matt seiner Fender Telecaster und den zum neuen Endorsement gehörenden Orange Amps weitere Licks entlockt, die nur so vor südstaatlicher Coolness triefen. Eine Rückkehr nach Europa wird es wohl im Frühjahr geben. Ein Auftritt auf einem spanischen Festival ist bereits gebucht.

Doch nicht nur live machen StoneRider eine gute Figur, auch im Studio stimmt die Chemie, wie ihr aktuelles Album erfolgreich dokumentiert. Allerdings war der Weg von der ersten zur zweiten Scheibe kein leichter. Zwischen beiden Alben liegen fast 4 Jahre, in denen die Band nach dem Abgang von Champ Champagne (Bass) erst einmal lernen musste als Trio zu funktionieren. Gitarrist Neil „$taxxx“ Warren stieg auf den Viersaiter um und man begann sich neu zu finden.

Was Fountains Left To Wake vom Vorgänger unterscheidet, ist u.a. die Tatsache, dass die Band sich diesmal ohne jeglichen Druck Zeit für den Aufnahmeprozess ließen. “Three Legs Of Trouble haben wir in zwei Wochen aufgenommen. Bei Fountains Left To Wake haben wir uns im Grunde ein Jahr Zeit gelassen um verschiedene Sounds auszuprobieren und den Songs so die Chance gegeben, ein Eigenleben zu entwickeln und zu atmen“, erklärt Gitarrist und Sänger Matt Tanner. Besonders durch Adam McIntyre, der die Scheibe nicht nur produzierte, sondern auch diverse zusätzliche Instrumente einspielte, gewann die Band an Facettenreichtum hinzu. Als Neil Warren nach den Aufnahmen aus der Band ausgestiegen war, übernahm Adam seinen Posten und wurde schließlich auch offizielles Bandmitglied. Ihn lernte die Band etwa ein Jahr vor den Aufnahmen zum neuen Album bei gemeinsamen Konzerten kennen. Als Adam anbot, das neue StoneRider-Album zu produzieren hatte die Band bereits Material für ein ganzes Album geschrieben. Da die Kreativität im Staate Georgia aber anscheinend besser sprudelt als Coca Colas Bio-Plörre The Spirit Of Georgia, kam die Band mit immer neuen Songs an. „Fountains Left To Wake sollte eigentlich das dritte Album sein“, gesteht Adam. „Ein ganzes Album an Material wurde zurückgelassen, das die Entwicklung zwischen Three Legs Of Trouble und Fountains Left To Wake verständlicher gemacht hätte.“ In der Tat unterscheiden sich beide Alben klanglich doch deutlich. Während ersteres für ein Debüt-Album erstaunlich professionell produziert klingt, hat sich die Band bei FLTW in diverse klangliche Sphären ausgebreitet und so lassen sich neben rockigen Klängen auch Elemente aus Soul, Psychedelic, Blues und weiteren Genres wiederfinden, die dem Album einen klassischen, traditionellen Vintage-Sound verleihen. Die Basic Tracks wurden live in Adams Studio eingespielt und man hatte offenbar einigen Spaß. „Wir haben sehr viel experimentiert“, erzählt Matt grinsend. „Dabei kamen sehr seltsame Sounds zustande. Wir haben Sachen in Kartons gepackt um zu sehen wie das klingt. Das Solo von Trigger Happy habe ich durch einen batteriebetriebenen Pignose-Mini-Verstärker gespielt. Wir haben ein Harmonica-Mikrofon direkt vor den Amp geklebt und beim Solo hat Adam den Verstärker genommen und ihn herumgetragen, ganz nah an die Gitarre um dieses irre Feedback zu bekommen. Wir hatten echt Spaß.“ Die Kontrolle über ihren Sound ist ihnen sehr wichtig, weshalb sie diesmal auch beim Mixing- und Mastering-Prozess dabei waren. So viel Herzblut ist Grund genug sich die Songs auf Fountains Left To Wake mal genauer anzuschauen:

Das Album beginnt mit dem zum Tanzen animierenden, recht poppigen When I Was Young, das mit der Zeile „If I only knew now what I knew then“ all diejenigen ansprechen dürfte, die in ihrer Jugend zu viel mit Mary Jane getanzt haben. Die Honky-Tonk-Klänge eines alten Pianos, das direkt aus einem Wild West Saloon stammen könnte, tragen ihr Übriges zum nostalgischen Flair bei. Es folgt Trigger Happy, das sich mit „your love is like a loaded gun pointing at my heart“ auf die herzensbrecherische Liebe einschießt und wie die meisten Songs auf dem Album sehr eingängig ist. Mit Undercover werden zum einen deutliche Hendrix-Einflüsse offenbart und zum anderen die Geheimhaltung eines One Night Stands gefordert. Hot Summer Nights schlägt dann erstmals akustische Klänge an, die aber keinesfalls die Füße still stehen lassen, sondern sehr treibend sind, eben wie heiße Sommernächte. You Don’t Even Have To Try kommt mit einiges an Soul daher und klingt als hätte es 40 Jahre in der Schublade von Otis Redding gelegen und nur drauf gewartet ausgegraben zu werden. Hitverdächtig! Ein weiteres Highlight stellt When The Sun Goes Down dar. Der Revolutions-Song („change is in the air, change is all around“) ist geprägt von einer grandiosen Harmonica-Begleitung von Jim Stacy, einem Freund der Band, der nicht nur wie ein Vikinger aussieht, sondern auch eine eigene regionale Show im heimischen Atlanta hat, die sich den örtlichen Köstlichkeiten und Barbecues widmet. Mit Say I Won’t folgt ein Song, der schon jetzt ein fester Bestandteil einer jeder StoneRider-Setlist sein dürfte. Mit einer Länge von 6 Minuten und 23 Sekunden ist der Track der mit Abstand längste auf dem Album, was aber gar nicht mal auffällt, da er ähnlich kurzweilig ist wie die Songs mit halber Spiellänge. Live dient er als Spielwiese für einen gepflegten Jam und auch auf der Platte verwandelt sich der Song zum Ende hin in eine Psychedelic-Wolke. ElDorado fängt eine Trance-Stimmung ein, die psychedelische Elemente aufweist, aber auch mit einer coolen Slide-Gitarre auftrumpfen kann. Dezente Orgelklänge tragen wie auch schon beim vorherigen Song zur Atmosphäre bei. Mit Fire & Brimstone bohrt sich ein weiterer Riff-geladener Song in die Höhrgänge. Die Gitarre schreit nach dreckigem Blues Rock und was Matt Tanner den Saiten entlockt, hätte von so manchem Altmeister stammen können, tut es aber nicht. Red Moon ist ein stampfender, akustischer Blues Song, der mit seiner schon beinahe hypnotischen „woohoo hoo hoo hoo“-Gesangsmelodie im Refrain etwas Hinterhältiges hat. Show Me The Light schlägt dann wieder etwas rockigere Töne an, die irgendwo zwischen dem Blues/Boogie Rock von AC/DC, Led Zeppelin und ZZ Top liegen. Too Many Times ist ein weiterer klassischer Rocker mit Südstaaten-Einfluss. Das Solo sticht dabei besonders heraus. Die Hookline könnte beinahe von Blackfoot oder Lynyrd Skynyrd stammen. Lady & I trumpft mit einer durchdringenden Bassline, einem einprägsamen Refrain und herausragender Gitarrenarbeit auf. Die weiblichen Backgroundvocals passen zur Größe des Songs, der trotzdem nicht aufgeblasen wirkt. Es folgt ein Interlude, das wie ein spontaner Jam vom vorherigen Song in den letzten Abschnitt des Albums überleitet. Don’t Forget To Breathe klingt ein wenig nachdenklich, will dabei aber eigentlich nur daran erinnern, die schönen Momente des Lebens, das viel zu schnelllebig ist, zu genießen. Die Mandolinenklänge sorgen zwischenzeitlich für Entspannung, treffen aber auch auf ernste, schon fast klagende Klänge. Eine Kritik an einer Gesellschaft, die immer schneller, höher und weiter hinaus will, doch dabei die Menschlichkeit vergisst. The Sleeper ist ein außergewöhnnlicher Track, der es erst auf den allerletzten Drücker (innerhalb von 24 Stunden vor dem Mastering) noch aufs Album geschafft hat. Spärlich instrumentiert und im Hof von Adams Haus aufgenommen, trägt der Song eine ganz eigene träumerische Note. „Im Nachhinein ist The Sleeper wohl der Song, für den wir am meisten empfinden“,erzählt Matt. „Der Song ist StoneRider und er hätte es beinahe nicht einmal aufs Album geschafft“, fügt Adam hinzu.

Es ist auffällig wie gut Fountains Left To Wake als komplettes Album funktioniert. Mit ziemlich eingängigen Songs, die dennoch alle ihren eigenen Charakter besitzen, präsentieren sich StoneRider von einer abwechslungsreichen, experimentierfreudigen Seite. Lückenfüller sucht man hier vergebens. Nach jedem Hördurchgang bleibt ein anderer Song als Ohrwurm hängen, ohne dass einem auf Dauer langweilig wird.

Wer das Album nicht nur als Download, sondern auch in physischer Form haben möchte, sollte entweder eines der verbleibenden Konzerte besuchen oder noch eine der wenigen Restexemplare der auf nur 500 Stück limitierten Doppel-LP, samt CD, Poster und – für die Audiophilen unter euch sicher interessant – einem Download des Vinyl Master Tapes über die Homepage der Band ordern. „Falls uns jemand in Deutschland dabei helfen möchte Fountains oder das nächste Album hier zu veröffentlichen, darf er sich gerne bei uns melden“, richten sie an die deutsche Hörerschaft aus. Vermutlich muss man auch nicht all zu lange auf neues Material warten, da die Band konstant Songs am schreiben ist und plant nach der Europa-Tour zurück ins Studio zu gehen, um den nächsten Longplayer aufzunehmen, von dem sie bereits einen Song (Sleepwalking) live präsentierte. „Wir wollten den Zuschauern die Möglichkeit geben, einen Eindruck davon zu bekommen, was sie in Zukunft erwartet. Die nächste Platte wird auf alle Fälle live eingespielt werden. Wenn man Matt und Jason nicht zusammen aufnimmt, hat man es gleich verbockt“, erklärt Adam. „Wenn man sie getrennt aufnimmt, klingt es nicht nach den beiden, also werden wir es live einspielen und dem ganzen etwas Magie verpassen.“

Das sind doch mal rosige Aussichten und man darf gespannt sein, was das Dreigestirn in Zukunft auf Band (respektive Hard Drive) zaubert.

Facts:

Release: 28. Februar 2012

Label: Millstone Music

Format: MP3, Vinyl Master Download, FLAC, CD, LP

Songs: 16

Spielzeit: 59:36 min

Tracklist:

  1. When I Was Young
  2. Trigger Happy
  3. Undercover
  4. Hot Summer Nights
  5. You Don’t Even Have To Try
  6. When The Sun Goes Down
  7. Say I Won’t
  8. ElDorado
  9. Fire & Brimstone
  10. Red Moon
  11. Show Me The Light
  12. Too Many Times
  13. Lady & I
  14. Interlude
  15. Don’t Forget To Breathe
  16. Sleeper

Links:

www.stoneriderband.com
www.facebook.com/stoneriderband
www.twitter.com/stoneriderband
www.youtube.com/user/stoneridertv
www.fountainslefttowake.tumblr.com

Das Double Feature #3 stammt aus der Feder von BB King Size aka Niko.

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